| Jugendkirche aus Bits und Bytes? |
| Geschrieben von pierre roh | |
| Montag, 26. März 2007 | |
Willkommen bei Second Life.So wie es in Schöne neue Welt das Fühl-Kino gibt, das auch den Tastsinn befriedigt, kann man sich im Second Life ein virtuelles Ich, Avatar genannt, zulegen und sich in der dreidimensionalen Simulation einer künstlichen Welt bewegen, wenn auch ohne Tastsinn - noch. Der Medienpädagoge Wilfried Hendricks von der Technischen Universität Berlin weiss um den Reiz der Online-Welt: "Man lebt Phantasien aus und schlüpft in neue Rollen, ohne die Kontrolle zu verlieren."
Die virtuelle Welt gilt als Land der verheissungsvollen und unbegrenzten Möglichkeiten. Viele glauben, hier ein neues Leben beginnen zu können. Sie wollen frei oder zumindest ein anderer sein. Die Parallelwelt dient als soziale Ausweichmöglichkeit und virtuelle Kommunikationsplattform. Ein gigantischer Chatroom. Second Life ist eine Web-3D-Simulation für eine grosse virtuelle Gemeinschaft. Die momentane Aufbruchstimmung ist vergleichbar mit der Anfangszeit des Internets. Verschiedene Personen können auf neue Weise miteinander in Kontakt treten. Das spezifisch Neue ist, dass die Anwendung den beschriebenen Austauschprozessen durch die 3D-Animationen und das inbegriffene Raumgefühl eine visuelle Tiefe verleihen. Interaktionen werden durch die Animationen intensiver erfahrbar, und wir erleben heute eine neue Welle der Immigration bzw. der Emigration - gemeint sind damit keine illegalen Grenzgänger - sondern die so genannten "Digital Immigrants".Es verirren sich täglich Millionen Menschen auf Millionen Seiten im Internet. Christen müssen mit einem klaren Angebot und einer klaren Botschaft im Internet vertreten sein - wie die Christliche InterNet-Arbeitsgemeinschaft CINA richtungsweisend bemerkt. "Es ist heute wichtiger denn je, dass Christen im Massenmedium Internet deutlich Flagge zeigen. Kein anderes Medium ist in den vergangenen Jahren so stark gewachsen, Millionen Menschen nutzen täglich das World Wide Web zur Information, zum Austausch von Meinungen oder für ihre Suche nach Unterhaltung. Auf diesem Tummelplatz von Angeboten müssen sich Christen mehr denn je engagieren." Eröffnet in absehbarer Zeit eine virtuelle Jugendkirche? Politik, Bildung, Entertainment und amerikanisch geprägte Religionsgemeinschaften tummeln sich bereits in Second Life. Religionsformen christlichen Zuschnitts sind bereits vertreten und jetzt will gar die IZB, eine missionarische Einrichtung der holländischen evangelischen Kirchen, in Second Life missionieren. ![]() Es dürfte nicht lange dauern, bis andere Religionen nachziehen. Dann wird der Priester in Second Life gehackt und er hat zu sagen, was man ihm per Tastendruck suggeriert. Natürlich bleibt die Jugend vorerst wieder einmal aussen vor. Religions-Gemeinschaften hätten die Bedeutung des Internets für Jugendliche "noch gar nicht verstanden" - diese Meinung vertritt Michael Birgden vom Evangelischen Kirchenverband Köln. "Kinder und Jugendliche zeigen grosses Interesse am Thema Religion", stellt auch Johanna Haberer, Professorin für christliche Publizistik an der Universität Erlangen, auf der 3. Zukunftswerkstatt der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM), der Evangelischen Kirche in Deutschland(EKD) und der Bundeszentrale für Politische Bildung, fest. "Leider beschäftigten sich nur wenige Internetseiten mit dem Thema", so Haberer weiter. Professor und Fachbereichsleiter für Journalismus an der Gustav-Siewerth-Akademie Wolfgang Stock: "Menschen, die sich nicht in eine Kirche trauen, können Predigten im Internet hören und Gottesdienste als Mitschnitt sehen. So wird das Internet zum Medium, das die christliche Botschaft zu den Menschen bringt." Das Internet als 'Medium der Verkündigung' zu nutzen, sei für die evangelische Kirche eine "Entdeckungsreise", heisst es auf einer Internetseite der EKD. Ob in Cyberplattformen, Chaträumen, Online-Games, Blogs oder Foren - Jugendliche unterliegen schon lange den unbegrenzten Möglichkeiten des Worldwidewebs.Das Internet nimmt eine grosse Rolle im Leben junger Menschen ein und DSL und W-LAN sind dabei technische Standards. Vor 15 Jahren hat man sich noch regelmässig auf der Strasse, in Jugendzentren oder zu Hause mit seinen Freunden getroffen, ging ins Kino oder suchte sich gemeinsam in 'nem Laden eine CD aus. Heute braucht man, um kommunizieren zu wollen, dazu nicht mal mehr das Haus zu verlassen - und CDs sind sowieso schon wieder ein alter Hut. Eine Plattform wie 'Second Life', mit diesem starken Wachstum, obwohl ich doch vermute, dass es sich momentan noch um einen gewaltigen Hype handelt, wenn auch mit eklatanten Marktchancen und vor allem mit dieser ungeheueren Aufmerksamkeit erregenden Präsenz, sollten sich die Jugendkirchen, die etablierten Kirchen an sich, nicht entgehen lassen. Schliesslich hat die christliche Kirche nicht nur weiterhin eine Botschaft zu vermitteln, sondern, nicht gerade überraschend, eine vielseitige Stimme, der man auch in den 'Metawelten' Gehör verschaffen sollte. "Second Life" ist nicht das einzige Online-Spiel, das eine mehr oder weniger realistische, dreidimensionale Welt simuliert. Andere Spiele, die demselben Prinzip folgen, heißen "There", "Active Worlds" oder "Dotsoul". Sie werden nicht nur von einigen IT-Veteranen als das "neue Web" gefeiert, das die Interaktion zwischen seinen Usern auf eine neue Stufe hebt. Doch um bei den nackten Zahlen zu bleiben: Am allererfolgreichsten unter allen Online-Spielen ist weiter "World of Warcraft", wo sieben Millionen registrierte User Drachen und Trollen auflauern. (siehe auch → Sollte sich eine Jugendkirche in Second Life etablieren? (siehe auch → Sollte eine Cyper Jugendkirche entstehen?) anklicken |