| Jugendkirche '(man) spricht Deutsch' |
| Geschrieben von pierre roh | |
| Donnerstag, 18. Dezember 2008 | |
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Dumm nur, wenn lediglich ein Bruchteil der deutschen Bevölkerung das "Denglisch" titulierte "Neudeutsch" versteht - und das ausgerechnet auch noch in der Jugendkirche (Pimp my church wurde von manchen völlig falsch als 'Zuhälterkirche' übersetzt) sowie vor allem in der Werbung - einer Branche, die doch ebenso wie die Kirche um Verständlichkeit ringt und die beide um die Verbreitung eines "Produktes" bemüht sind. Den Werbespruch "Make the most of now" übersetzen nach einer Umfrage viele mit "Mach keinen Most daraus" und aus aus dem Air-Berlin-Slogan "Fly Euro Shuttle" machen sie den Spruch "Schüttel den Euro zum Fliegen". Selbst wer auf dem Boden bleibt sollte, wenn er mit der Deutschen Bahn fährt, des Englischen mächtig sein. So etwa bei den Angeboten "Surf and Rail" oder "Call a Bike". Nicht imposant ist auch die Botschaft eines Sportartikelherstellers; "Impossible is nothing" deutet die Mehrheit der deutschen Verbraucher falsch. Statt Nichts ist unmöglich" lesen sie "Imposant ist nichts" oder "Die Unmöglichkeit des Nichts". Für den Verbraucherzentrale Bundesverband ein klarer Fall von Kundenverunsicherung und ein Signal, auf die Barrikaden zu gehen. Mit dem Literaturhaus Berlin hatten die Verbraucher- und Sprachschützer am Donnerstag den passenden Ort für ihre Veranstaltung "Denglisch oder was?" gefunden. Die schweren Stofftapeten und das dunkle Edelholz im Kaminzimmer der alten Villa liessen erst gar keinen Zweifel am Ernst der Lage aufkommen.Denn schlimm muss es um die Seelen deutscher Käufer wohl bestellt sein, wenn sie mit Werbesprüchen wie "Welcome to the Beck's Experience" völlig in die Irre geleitete werden. Nicht wenige Verbraucher übersetzen "Experience" nämlich mit Experiment und lassen sich das Becks-Erlebnis damit völlig entgehen. Das weiss jedenfalls Professor Christoph Fasel, seit 2005 Direktor des Instituts für Verbraucherjournalismus an der privaten SRH Hochschule Calw und ein Fachmann auf dem Gebiet der Sprachverwirrung. Fasel konnte die Skepsis des vorwiegend älteren Publikums mühelos untermauern. Im Staccato fetzte er weitere Werbesprüche ins Publikum, das zu grossen Teilen aus Wissenschaftlern, Werbern und Politikern bestand - und wenn die Politik im Spiel ist, wird es richtig Ernst. Schliesslich ist es erst zehn Tage her, da der Stuttgarter CDU-Bundesparteitag für die deutsche Sprache einen Verfassungsrang gefordert hatte. Sprachverwirrung auf dem Vormarsch Die Sprache habe in den letzten Tagen an Aktualität gewonnen, betonte denn auch Verbraucherzentrale-Bundesvorstand Gerd Billen, der am Vortag noch zum neuen Datenschutzgesetz referierte. Die Wissenschaft habe herausgefunden, dass etwas eben nicht auf der Höhe der Zeit sei, nur weil es auf Englisch ausgesprochen werde, sagt er. Das eigentliche Problem sei, dass in der deutschen Bevölkerung gar nicht so gut Englisch gesprochen werde wie gemeinhin angenommen, erklärte Fasel. Dass die derart gescholtene Werbewirtschaft in Person von Volker Nickel ganz andere Argumente vorbrachte, verwunderte nicht. "Die englischen Sprachkenntnisse werden in Zukunft zunehmen", erklärte der Sprecher des Zentralverbandes der deutschen Werbewirtschaft. Solle man denn Begriffe wie "Toaster" oder "Cool" künftig nicht mehr benutzten dürfen, gab Nickel zu bedenken. Im Fall von McDonald's habe der zunächst nur für Deutschland kreierte Werbespruch "Ich liebe es" in die jeweiligen Landessprachen übersetzt gar einen Siegeszug um die ganze Welt angetreten. Und überhaupt: Nur in 6 Prozent der Werbung würden englische Begriffe verwendet, sagte Nickel. Dass in der Gesetzgebung eine nahezu babylonische Sprachverwirrung herrsche, sei doch wohl viel schlimmer, als ab und an ein englischer Spruch in der Werbung. Dass allerdings Jugendliche und nicht nur die, mit Denglisch bombardiert, Falschübersetzungen als Verballhornung der Sprache weiterleiten, wird übergangen. ![]() Woher kommt die deutsche Sprache? Rund 500 Exponate laden in Bonn zum Flanieren durch die deutsche Gegenwartssprache ein - vom Grimmschen Wörterbuch und einer Original-Ausgabe des "Werther" bis zu kunstvoll im Unterricht verzierten Reclam-Heften, von der Jugendsprache bis zum SMS-Kurztext. Medieninstallationen und interaktive Elemente machen Lust auf Deutsch: Die Schönheit von Sprache wird in einem Wald von Klangröhren hörbar. Am Literatur-Automat können Besucher Lyrik "ziehen", ein Schreib-Roboter der freien Künstlergruppe "robotlab" verfasst kurze Texte über Sprache, deren Wortfolge die Maschine aus einem Fundus von Begriffen eigenständig und nach einem Zufallsprogramm "generiert". Marlon Brando ist als "Der Pate" in Sächsisch und anderen deutschen Dialekten zu hören, Film- und Tondokumente lassen Werbe-, Politik- und Jugendsprache lebendig werden. In Kooperation mit dem Goethe-Institut wird "man spricht Deutsch" nach der Präsentation in Bonn als Wanderausstellung in Goethe-Instituten im In- und Ausland zu sehen sein. Wie verändert sich die Bedeutung von Worten? Die Ausstellung "man spricht deutsch" gibt Antwort auf diese Fragen. Sprache ist "das" Kommunikationsmittel des Menschen. Sie ist zugleich Trägerin von Wissen und Kultur, darauf weist eine Bibliothek in der Ausstellung hin. Sprache verändert sich: Der Einfluss von Anglizismen auf die deutsche Sprache ist unüberhörbar. Stirbt die deutsche Sprache aus? Augenscheinlich nicht: Über 120 Millionen Menschen in aller Welt sprechen Deutsch, 17 Millionen lernen derzeit unsere Sprache, Deutsch ist innerhalb der Europäischen Union die am häufigsten gesprochene Muttersprache. Und sie entwickelt sich weiter: Laut Duden kommen jedes Jahr etwa 1.000 Worte dazu."Was geht, Alter?" - Sprache existiert nicht im luftleeren Raum: Daran erinnert ein "Kapitel" über die "Jugendsprache" und die Sprache junger Migranten, die sich als Teil verschiedener Jugendkulturen immer neu von der Erwachsenenwelt abgrenzt. Sprache ist Klang - "Mein schönstes deutsches Wort ist Libelle, weil ich Wörter mit dem Buchstaben "l" liebe und dieses Wort sogar drei davon hat…Das flutscht so auf der Zunge". Mit dieser Begründung gewann der 9-jährige Sylwan Wiese den Kinderwettbewerb für das schönste deutsche Wort, den der deutsche Sprachrat und das Goethe-Institut 2004 ausgeschrieben hatten. Der Journalist Wolf Schneider lobt an der deutschen Sprache die zusammengesetzten Substantive, die das Unvereinbare vereinbaren wie "HassLiebe", oder Komposita wie "Zeitgeist", die es sogar bis in die Weltsprache Englisch geschafft haben. Die beiden grossen historischen Museen der Bundesrepublik Deutschland haben zum Thema deutsche Sprache zwei sich konzeptionell ergänzende Ausstellungen erarbeitet. Während sich "man spricht Deutsch" auf Phänomene der deutschen Gegenwartssprache konzentriert, bietet das Deutsche Historische Museum in Berlin unter dem Titel "die Sprache Deutsch" ab 15. Januar 2009 einen breiten Überblick über die Geschichte der deutschen Sprache seit ihren Anfängen. ![]() 'man spricht Deutsch' |