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Freitag, 3. September 2010
"HIV-kompetente" Jugendkirche? PDF Drucken
Geschrieben von pierre roh   
Freitag, 8. August 2008
 kompetente jugendkirche in sachen sex
jugendkirche aids - schleifeIn dem Projekt "Mit Sicherheit verliebt" (MSV) engagieren sich Medizinstudenten als ehrenamtliche Sexualkundelehrer in Schulen. Dabei stossen sie auf grosse Wissenslücken.
Der bundesweite Verein MSV ist ein Präventionsprojekt der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e. V. An vielen Unis gibt es MSV-Lokalprojekte: Kleine Gruppen von Studierenden, die sich zwischen Vorlesung, Labor und Klinikumspraktikum Zeit nehmen, um Jugendliche über Sexualität und Geschlechtskrankheiten zu informieren und ihnen einen unverkrampften Umgang mit dem eigenen Körper beizubringen. Die angehenden Mediziner behandeln in den Unterrichtsstunden alles, was zur Aufklärung gehört: Gefühle, Beziehungen und Verhütung.

Die Aufklärungsstunden seien bitter notwendig, findet Isabel Schellinger, die sich bei MSV engagiert. Gerade in Sachen AIDS besteht dringender Nachholbedarf. "In jeder Schulklasse, in der ich bisher war, ist bereits ein Mädchen schwanger gewesen", berichtet die 20-jährige Studentin. "Die Pille einmal die Woche reicht nicht", muss die Medizinstudentin dann den Mädchen erklären, die eigentlich gedacht hatten, sich mit Verhütung auszukennen.

Aus den lückenhaften Informationen, die sich die Jugendlichen dann von Freunden, aus Magazinen oder dem Fernsehen holen, entstehe ein gefährliches Halbwissen. Dass die Pille zwar vor ungewollten Schwangerschaften schützt, aber nicht vor Aids, hat MSV schon in mehreren Schulen klarstellen müssen.

Am irritierendsten sind Desinformationen, die die Jugendlichen aus dem Internet beziehen. Im Netz finden die Heranwachsenden zwar jede Menge Pornos, aber wenig brauchbare und verlässliche Information, und von den Eltern werden sie nur unzureichend oder gar nicht beraten, da diese in den meisten Fällen die Bedürfnisse ihrer Sprösslinge falsch einschätzen.

Aufklärungsunterricht gibt es natürlich auch an den Schulen. Die Erfahrung von MSV zeigt aber, dass die Jugendlichen den Medizinstudenten viel aufmerksamer zuhören als ihren Lehrern, da "diese heilfroh sind, wenn sie nicht vor der Klasse über Sex reden müssen."

Ähnlich verhält es sich in den Jugendkirchen. Betrachtet man die Workshops, die zahlreich angeboten werden, fehlt es in den allermeisten Fällen an einem angemessenen Sexualkunde-Workshop oder etwa einer Informationsplattform über Aids. Hier könnten die Jugendkirchen bewusst christliche Gegenakzente setzen.

Junge Leute in Deutschland unterschätzen die tödliche Gefahr einer HIV-Infektion. Sie schützen sich weniger und neigen verstärkt zu riskantem Sexualverhalten. Das stellen Experten wie Osmah Hamouda vom Berliner Robert Koch-Institut mit Sorge fest. Denn immer noch sterben in Deutschland jede Woche rund zwölf Menschen an der Immunschwächekrankheit und jährlich kommen weltweit etwa 2,5 Millionen Neuinfektionen hinzu.

Selbst in Deutschland registriert das Berliner Robert Koch-Institut seit einigen Jahren einen stetigen Anstieg von HIV-Infektionen. "Einen Besorgnis erregender Trend gibt es zur Zeit in Ostdeutschland", musste RKI-Experte Hamouda feststellen. Dort stecken sich wieder zunehmend Jugendliche mit dem Aids-Virus an.

Viele junge Leute hätten heute das Aids-Risiko verdrängt und benutzten keine Kondome mehr, stellt auch Kai-Uwe Merkenich von der Berliner Aids-Hilfe fest. Dort waren im letzten Jahr 35 Prozent der Ratsuchenden jünger als 30 Jahre. Unter Jugendlichen herrsche der Irrglauben, dass Aids heilbar sei oder gar nur ältere Menschen treffe. Doch abgesehen von wirkungsvollen Medikamenten gibt es nach wie vor weder einen Impfschutz noch ein Heilmittel gegen Aids. Die derzeitigen Produkte sind nur Übergangslösungen, bis ein echtes Heilmittel oder ein Impfstoff zur Verfügung stehen.

Wenn nun auch noch einzelne Organisationen wie die Aids Health Care Foundation fordern, die Impfstoff-Forschung einzustellen und alle Mittel in die Prävention und in Medikamente zu investieren, dann ist dies ein fataler Schritt. Denn nur ein effektiver Impfstoff kann (zusammen mit ausgeweiteten Präventionskampagnen) das Aids-Problem auf Dauer lösen. In die Impfstoff-Forschung muss daher nicht weniger, sondern mehr investiert werden. Nur etwa 30 Prozent aller HIV-positiven bekommen antiretrovirale Medikamente, die trotz Infektion ein einigermassen normales Leben ermöglichen. Von einem Heilmittel oder gar Impfstoff scheint die Wissenschaft noch weit entfernt.

UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon erinnerte an das Millenniumsziel, bis 2010 allen Betroffenen Zugang zu einer modernen Therapie und Pflege zu ermöglichen und forderte die Staatengemeinschaft auf, schnell zu handeln. Deutliche Worte fand auch der geschäftsführende Direktor der Organisation UNAIDS: "Jeden Tag stecken sich fast 7000 Menschen unnötigerweise mit HIV an, weil sie keinen Zugang zu Mitteln haben, die eine Übertragung verhindern. Es ist an der Zeit, etwas zu tun." Prävention war eines der Hauptthemen der AIDS-Konferenz.
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"HIV-kompetente" Kirche

Über 500 Repräsentanten ökumenischer Organisationen, die sich im Vorfeld der 17. Internationalen Aids-Konferenz vom 3. bis 8. August in Mexico City unter dem Motto "Glaube in Aktion - jetzt!" trafen, haben die Lancierung einer weltweiten Kampagne angekündigt. Sie soll Kirchen helfen, im Umgang mit HIV und Aids Kompetenz zu erwerben.

In einem ersten Schritt sollen gemeinsam Materialien für den Welt-Aids-Tag am 1. Dezember 2008 erarbeitet werden. Zudem sollen Gruppen und Gemeinschaften Instrumente zur Einschätzung ihres Umgangs mit HIV und Aids zur Verfügung gestellt werden. Das Konzept der "HIV-kompetenten Kirche" bezieht sich auf die Fähigkeit einer Kirche, mit den Herausforderungen der HIV/AIDS-Pandemie in angemessener und einfühlsamer Weise umzugehen. Eine HIV-kompetente Kirche stemmt sich gegen die Ausbreitung von HIV, verbessert die Lebensbedingungen derer, die selbst angesteckt oder davon betroffen sind, lindert die Auswirkungen von HIV und stellt Hoffnung und Würde des Menschen wieder her.

HIV-Kompetenz schliesse innere wie auch äussere Kompetenz ein, erklärt Dr. Sue Parry, die (Ökumenische HIV und AIDS-Initiative in Afrika) EHAIA-Regionalkoordinatorin für das südliche Afrika. Innere Kompetenz setze voraus, dass eine Kirche sich der Wirkung und Konsequenzen der Pandemie bewusst sei und die Verantwortung übernehme, darauf zu reagieren. Äussere Kompetenz schliesse den Aufbau theologischer und institutioneller Kapazität zu adäquatem Verhalten ein und erfordere Führungskraft, Wissen und Ressourcen.

"Eine HIV-kompetente Kirche ist in der Lage, eine neue Gemeinschaft Gottes aufzubauen, eine Gemeinschaft, die die gesellschaftlichen Bedingungen, die die Ansteckung mit dem Virus begünstigen, erkennt und darauf reagiert, und die Führungskräfte hat, die sich von unguten Traditionen und kulturellen Prägungen befreien können - um so HIV zu überwinden", erklärt Bischof Dr. Johannes Ramashapa, der Leitende Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche im südlichen Afrika.

"Wir alle bemühen uns, zu einer Kirche beizutragen, die genau über HIV und AIDS Bescheid weiss, und die HIV-positive Menschen als integralen und kostbaren Bestandteil der Gemeinde anerkennt", betont Karuna Roy, die Koordinatorin der Synodalbehörde für Gesundheitsdienste der Kirche von Nordindien.

An der Internationalen AIDS-Konferenz in Mexiko-Stadt nahmen mehr als 20'000 Fachleute aus Wissenschaft, Gesundheitswesen, Geschäftswelt, Politik, Religion teil, sowie Aktivisten/innen und Betroffene, die in Netzwerken HIV-positiver Menschen organisiert sind. Mehr als 33 Millionen Menschen leben weltweit mit dem Virus - "Weltweit handeln - jetzt". Wäre sicherlich auch ein guter Slogan für jugendkirchliche Aktionen. Der Welt-Aids-Tag naht.

 
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