Es dauert nur wenige Minuten: Einen Fuss auf den Henkel der Schuhputzkiste und schon wird sorgfältig der Schuh mit einer Bürste bearbeitet - sieht richtig professionell aus. Dann etwas Schuhcreme aufgetragen, kräftig verrieben - noch mal polieren - fertig!
Die Schuhe glänzen und sehen aus, als kämen sie frisch aus dem Laden. Erfreut wirft die Besucherin des Katholikentages ein paar Münzen in das Schuhputz-Kästchen. Das Geld wird Kindern helfen, die in Äthopien fremden Leuten die Schuhe putzen müssen.

Die Jugendlichen der Hollager Jugendkirche "Weg" beteiligen sich an einer Aktion, die eben diesen Kindern in Äthopien eine Perspektive bieten möchte. Mit dabei sind 40 weitere Hollager Kinder und Jugendliche aus der Kirchengemeinde St. Josef sowie Schüler der Osnabrücker Ursulaschule.
Ehe die Heranwachsenden Bürste und Schuhcreme in ihre Holzkisten packen, erfahren sie im Kreuzgang von St. Johann, was es mit der Aktion auf sich hat: Die Gruppe, die sie unterstützen, heisst Listros. Das ist Amharisch (die Sprache Äthiopiens) und heisst Schuhputzjunge. Sie sind Jungen und Mädchen zwischen 10 und 17 Jahren und haben schon viel erlebt. Listros arbeiten nicht nur als Schuhputzer, sondern auch als Laufburschen, Losverkäufer, Viehjungen, Obstverkäuferinnen, Dienstmädchen, Kellnerinnen. Sie kommen meist aus ländlichen Gegenden.
Das Phänomen Listros hängt eng mit der Armut auf dem Land zusammen. Obwohl die Listros das Rückrat der äthiopischen Gesellschaft bilden, bleiben ihnen Wertschätzung und Schutz versagt. Sie sind auf sich allein gestellt. Die Listros nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand. Mit dem mühsam verdienten Geld ermöglichen sie sich und ihren Familien das Überleben und finanzieren ihre Ausbildung gleich mit.
Sie wollen Berufe erlernen, um später ein erfülltes Leben geniessen zu können. "Diese Jugendlichen haben einen Traum, und den wollen sie verwirklichen", erklärt Dieter Tewes von der Diözese Osnabrück. Die Hilfsorganisation 'Listros e.V.' ist beispielsweise vor Ort in den Städten Äthopiens tätig und errichtet Pavillons, in denen Schuhputzer tätig sein können.
Von namhaften deutschen Architekten wurden Konzepte für Pavillons entwickelt, die den Listros in Äthiopien einen Platz im Stadtraum schaffen, ihnen Schutz bieten und ihre Arbeit gesellschaftlich aufwerten. Weit über 100 Pavillons konnten in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba durch Listros e.V. und seine Unterstützer realisiert werden.

Um auf die Thematik aufmerksam zu machen, hat die Hilfsorganisation 'Listros' die Ausstellung "A Dream in a Box" ins Leben gerufen, zu Deutsch "Ein Traum in der Kiste". Gemeint sind damit die Kisten, in denen die jungen Schuhputzer ihr Material aufheben. Die Ausstellung besteht aus Bildern, die Berliner Künstler gefertigt haben. Basis dieser Bilder waren Fotos, die Schuhputzer auf Initiative von Listros mit Einwegkameras in ihrem Alltag gemacht haben. Zwölf dieser Bilder waren im Kreuzgang der Johanniskirche zu sehen.
Zurück auf die Johannisstrasse: Dort haben die Mädchen und Jungen aus Hollage mittlerweile zwei Polizisten die Schuhe gesäubert. Nun sind die Gäste eines Strassencafés an der Reihe. Für viele der Spender ist es ungewohnt, sich von einem Menschen im Vorbeigehen die Schuhe putzen zu lassen.
"Im ersten Augenblick ist man peinlich berührt. Aber dann sieht man, dass es für einen guten Zweck ist, und ist mit Begeisterung dabei." Andere Passanten, die die Hollager Jugendlichen ansprechen, wollen sich erst gar nicht die Schuhe putzen lassen. Sie spenden ganz ohne Gegenleistung.
Viele der jungen Schuhputzer kostet der ehrenamtliche Einsatz zunächst Überwindung. "Es ist schon ein bisschen erniedrigend", sagt einer, als die Gruppe im Kreuzgang ein Fazit ihrer Aktion zieht. Aber die Jugendlichen wissen: Sie haben ein Stück dazu beigetragen, dass ihre Altersgenossen im fernen Äthopien etwas zuversichtlicher in die Zukunft blicken können.