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Freitag, 30. Juli 2010
JUGENDKIRCHE pierre sein FILMTIPp 05-08 PDF Drucken
Geschrieben von pierre roh   
Samstag, 17. Mai 2008

10 Fragen an den Dalai Lama
Dokumentarfilm, USA 2006, Regie: Rick Ray

Es hätte kaum einen besseren Zeitpunkt für diesen Dokumentarfilm geben können. Der Amerikaner Rick Ray stellt "10 Fragen an den Dalai Lama" und versucht, in einem Crashkurs allerlei Wissenswertes über die Geschichte Tibets und seinen geistigen Führer zu vermitteln. Kurz vor den Olympischen Sommerspielen in Peking ist ihm Aufmerksamkeit gewiss, gerade auch, da hohe Vertreter vorgeblich demokratischer Regierungen sich dem Diktat wirtschaftlicher Interessen beugen und den Blick für Menschenrechts- verletzungen und Staatswillkür der chinesischen Obrigkeit verschliessen. Ich kann nur sagen: "Mach kein Terz, s'geht um Kommerz".

"10 Fragen an den Dalai Lama" ist in erster Linie ein guter Überblick über die Geschichte Tibets. Als Crashkurs in Landeskunde und Religionsverständnis ist der Film durchaus geeignet, zumal er dadurch die aktuellen Entwicklungen im tibetisch-chinesischen Konflikt verständlicher macht, wenn auch mit manchmal holprigen Sprachbildern: "Um die Bedeutung des Dalai Lama zu verstehen, müssten sich die Amerikaner vorstellen, dass die Wiedergeburt Jesu im Weißen Haus regiert." Das trifft den Kern zwar nicht wirklich, bleibt aber hängen. Genau wie die Bezeichnung "Rockstar des Friedens".

Rick Ray reiste aus ganz persönlichem Interesse in den Himalaya - sein Film ist eine Herzensangelegenheit mit imposanten Landschaftsaufnahmen und gut recherchiertem Archivmaterial. Ray hat ihn aus einer tiefen Bewunderung für den Dalai Lama heraus gemacht. Das stellt er auch zu Beginn gleich klar, sodass sich niemand über fehlende Distanz beschweren kann.

Dennoch: Der kritische Abstand fehlt, weil man ihn benötigt, um nachzubohren, um Fragen zu vertiefen. Rays Audienz beim Dalai Lama - im späteren Teil des Films thematisiert - dauerte 45 Minuten. Da blieb keine Zeit, aus der Bewunderungsstarre zu erwachen. Also werden die Weisheiten des Oberhaupts der Tibeter unkommentiert, unreflektiert und als allgemeingültige Weisheit in den Raum gestellt.

Dass dabei manches - Fragen wie Antworten - oberflächlich bleibt, wird von Rick Ray in Kauf genommen. Und wirklich schlimm ist es in der Tat nicht. Denn "10 Fragen an den Dalai Lama" versucht gar nichts anderes zu sein als eine kurzweilige Hommage an eine kluge und trotz schwieriger Umstände heitere Persönlichkeit, die mit Bescheidenheit und Umsicht ein Leben lang für mehr Menschlichkeit in der Welt eintrat und es noch immer tut.
 
Meine Mutter, mein Bruder und ich
D 2007, Regie: Nuran David Calis

Wenn man sich Areg (Erhan Emre) so ansieht, dann könnte man meinen, Deutschland sei ein Integrationswunderland. Der 23-Jährige ist vor zehn Jahren mit seiner Familie aus Armenien eingewandert und fühlt sich wohl hier, studiert Jura, will Filmregisseur werden. Deutschland ist zu seiner Heimat geworden, mit Armenien verbindet ihn nichts mehr. Denkt er zumindest. Denn als seine Mutter schwer krank wird, muss Areg seine Wurzeln suchen und finden. Mit "Meine Mutter, mein Bruder und ich" erzählt Regisseur Nuran David Calls mit poetischem Ton und in warmen Bildern von den Konflikten, die in Einwandererfamilien unausweichlich sind.

Es ist eine Familiengeschichte zwischen Alltagsrealität und Märchen - Aregs Mutter Maria (Lida Zakaryan) konnte nie ganz aus Armenien weggehen. Ein Teil blieb dort, und ihre die Sehnsucht zurückzukehren, wurde mit den Jahren immer stärker. Das Bindeglied zwischen Maria und Areg ist Garnik (Kurt Onur Ipekkaya). Der kleine Bruder kann sich zwar nicht mehr an Armenien erinnern, stellt sich das Land aber in seiner Fantasie lebhaft vor. Inklusive einem verschollenen Schatz, den es zu heben gilt.

Die Erkrankung seiner Mutter zwingt auch Areg sich mit seiner Identität auseinanderzusetzen. Ihr Herzenswunsch ist es schließlich, in die Heimat zurückzukehren. Also machen sich alle zusammen auf eine Reise, die bei störrischen Asylbeamten anfängt und mit einer (nicht unangenehm) pathetischen letzten Totale auf eine wundervolle Berglandschaft endet.

Unterwegs lässt Regisseur Nuran David Calis seine Protagonisten die Integrationsdebatte mit ihren verschiedenen Herangehensweisen stellvertretend führen. Mit vielen Details, unaufdringlich und hintergründig ist sein Film ein wichtiges, tragikomisches Plädoyer für Meinungs- und Gefühlsvielfalt.
 
Jesus Christus Erlöser
D 2008, Regie: Peter Geyer
 
Berlin, Deutschlandhalle, 20. November 1971. Auf einer leeren Bühne, einsam im Kegel der Scheinwerfer, tritt Kinski auf. Schulterlanges Haar, einfache Jeans, ein Hemd mit Blumen- und Punktmustern. Ohne Kulissen, ohne Bühneneffekte, ohne Kostüm. Er rezitiert seinen eigenen Text JESUS CHRISTUS ERLÖSER und realisiert damit ein Projekt, mit dem er sich schon über zehn Jahre beschäftigt.

Es ist die Zeit der Hippiebewegung, das Musical JESUS CHRIST SUPERSTAR von Andrew Lloyd Webber feiert gerade auch in Deutschland einen sensationellen Erfolg. Vielen ist gerade nach gewaltlosem Widerstand. Doch der JESUS von Klaus Kinski ist kein Hippie-Happening. Es soll eine hochemotionale, ganz auf die Stimme des Schauspielers reduzierte Erzählung werden - ihr Inhalt die laut Kinski "erregendste Geschichte der Menschheit: Das Leben von Jesus Christus" als einem der "furchtlosesten, freiesten, modernsten aller Menschen, der sich lieber massakrieren lässt, als lebendig mit den anderen zu verfaulen. Um den Mann, der so wie wir alle sein will. Du und Ich."

Klaus Kinskis Ruf in Deutschland ist der eines exzentrischen Provokateurs. Da er seit 1962 nicht mehr mit einem Bühnenprogramm zu sehen war, ist er den Meisten nur als verschrobener Filmstar bekannt, der seine beste Zeit schon hinter sich hat. Die Theaterleiter fürchten ein blasphemisches Programm und zögern mit Ihren Engagements. Viele glauben, Kinski identifiziere sich mit seiner Hauptfigur und möchte sich als neuer Jesus aufspielen, als Wortführer einer Jugendbewegung.

Peter Geyer zeigt den abendlangen Versuch eines Schauspielers, seinen Text zu sprechen und so, wie das Publikum reagiert, wird Kinski dieses immer mehr zu den Pharisäern, gegen die sich Jesus verteidigt. "Wer von euch nicht nur eine grosse Schnauze hat, sondern wirklich ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein" oder "Wäret ihr doch heiss oder wenigstens kalt, aber ihr seid nur lauwarm, und ich spucke euch aus!" sind nur zwei Kostproben eines atemberaubenden verbalen Amoklaufs.

Unter improvisierten "Halt’s Maul"-Befehlen, "Wehe euch..."Androhungen mit ausgestrecktem Finger, Appellen an die Störenfriede, den Interessierten nicht den Abend kaputt zu machen, versucht Kinski, seinen Text zu sprechen, "30 Schreibmaschinen-Seiten", von mal zu mal emotionaler, aufgewühlter und unter immer grösserer Anspannung. Der Saalsprecher bittet das Publikum: "Lassen Sie Herrn Kinski seinen Text sprechen, dann können Sie hinterher Ihren sprechen!"

Im Publikum hört man Provokationen wie "Phrasendrescher", "Du streust Hass!", "Arschloch", in der Pause ergreift ein Zuhörer das Mikrophon und nennt Kinski "Faschist", ein anderer predigt auf der Bühne: "An ihren Taten sollt ihr sie erkennen!" Kinski schreibt später in seiner Autobiografie "Ich brauche Liebe": "Das ist ja wie vor 2000 Jahren. Dieses Gesindel ist noch beschissener als die Pharisäer. Die haben Jesus wenigstens ausreden lassen, bevor sie ihn angenagelt haben."

JESUS CHRISTUS ERLÖSER dokumentiert einen tumultartigen Abend gegenseitiger Beschimpfungen, das Ringen eines Schauspielers um seinen Text, ein Theater-Happening in einer autoritätskritischen Zeit und das grandiose Scheitern einer literarischen Weltverbesserungsmassnahme - vor dem Hintergrund des Vietnam-Krieges.

Geyer vermittelt mithilfe aller verfügbaren Bild- und Tondokumente des Abends erstmals einen hautnahen Eindruck der Live-Situation und schafft damit das aussergewöhnliche Zeugnis einer Zeit und eines Ausnahmekünstlers. Weit nach Mitternacht, als von den vielleicht 6000 Zuhörern gerade noch nicht mal 100 übriggeblieben waren, kam Kinski nochmal auf die Bühne, um seinen Text dann doch noch von Anfang bis zum Ende zu lesen und zu interpretieren und es war ein schaurig beeindruckendes Spektakel.
 
Was am Ende zählt
D 2008, Regie: Julia von Heinz

Die Eltern wenden sich ab, der Kindsvater entzieht sich der Verantwortung, und das Umfeld trifft moralische Verurteilungen. Was tun, wenn sich im Bauch das Leben regt und man selber noch gar nicht erwachsen ist? Wie Juno (sieheFilmtip(p) 03-08) aus dem gleichnamigen US-Komödienhit ist auch Carla (Paula Kalenberg, "Die Welle") ungewollt schwanger.

In "Was am Ende zählt", dem Spielfilmdebüt von Julia von Heinz, strandet das junge Mädchen auf dem Weg nach Nirgendwo. Carla ist mit grossen Plänen von zu Hause abgehauen, sie will nach Lyon, um dort Mode zu studieren. Schon am Bahnhof wird ihr alles gestohlen, sie strandet völlig mittellos und muss sich an Rico halten, der sie aufliest, auf dessen Baustelle sie Geld verdienen kann, um weiter zu ziehen.

Auf der gleichen Baustelle, einem Boot, das zur Kneipe werden soll, lebt Lucie mit ihrem Bruder Michael. Hier ist ihre Welt, ihr Zuhause, hier will sie bleiben.
Wie von Schicksalsfäden werden Lucie (Marie-Luise Schramm) und Carla mit ihren gegensätzlichen Lebensentwürfen zusammengeführt. Carla sieht bei Lucie, wie es ist, einen Platz im Leben zu haben, für Lucie öffnet sich mit Carla eine neue, grössere Welt.

Als Carla kurz vor ihrer Weiterreise feststellt, dass sie schwanger ist, scheint ihr Traum endgültig geplatzt, denn für eine Abtreibung ist es schon zu spät. Zu einem Arzt kann Carla nicht, da sie über ihren Vater versichert ist. Lucie, die sich sehnlichst wünscht, dass Carla bleibt, schlägt ihr einen Pakt vor: "Du bekommst das Kind unter meinem Namen, ich nehme es dann."

Bis zur Geburt verstecken sich die beiden in einer Wohnung, Michael nistet sich als Mitwisser ein. Doch dann will Carla ihr Baby nicht verlassen. Sie fordert von Lucie, sich aus ihrem Umfeld zu lösen, ihren Bruder zu verlassen. Doch die Situation muss erst eskalieren, bis die beiden Mütter zu grossen Entscheidungen bereit sind. Julia von Heinz spricht in ihrem Film über die Probleme junger Mütter ein durchaus relevantes Thema an: Etwa 13.000 Teenager werden jährlich in Deutschland schwanger.
 
Freischwimmer
D 2007, Regie: Andreas Kleinert

Den Freischwimmer zu machen, das klingt ein bisschen nach Erwachsenwerden. Man strampelt sich durch und merkt, ich kann's ja. Am Ende des Films wird Rico, der 15-jährige Aussenseiter einer Kleinstadt, mitschwimmen. Allerdings befinden sich auf seinem Parcours eine ganze Menge Hindernisse. Andreas Kleinerts Satire "Freischwimmer" mit Frederick Lau (Deutscher Filmpreis für "Die Welle") startet nun in den Kinos.

Um dieses schwarze, tragikomische Märchen besser zu verstehen, sollte man den Regisseur zu Wort kommen lassen. Er habe Sehnsucht nach Humor gehabt, erklärt er. Makaber und fernab von bekannten Genres wollte er eine bittersüsse Polemik gegen eine satte Gesellschaft schaffen, die meint, dass sie ganz redlich funktioniert.

Dazu öffnet Kleinert den Vorhang, den man lieber zugezogen lässt, rollt den Teppich zurück, unter den das Unschöne gekehrt wird. Und er blickt dem Bösen hinter der freundlichen Fassade ins Gesicht. Will man hier erwachsen werden, mitschwimmen, bleibt einem nichts anderes übrig, als sich anzupassen.

Im Mittelpunkt eines grossartigen Ensembles steht Frederick Lau als Rico. Ein Aussenseiter, nicht gerade der Sportlichste, derjenige, dem der Pausensnack vom durchtrainierten Mädchenschwarm weggenommen wird. Derjenige, der sich nicht wehrt - wenn ihm alles zu viel wird, schaltet er sein Hörgerät aus. Dann hat er seine Ruhe.

Weil Rico mehr und mehr in den Mittelpunkt der ländlichen Gemeinschaft rückt, weil man ohnehin und nun aus einem bestimmten Grund nicht recht weiss, was man von dem stillen Rothaarigen zu halten hat, sucht er Rückhalt bei seinem Lehrer. Der zeigt sich hilfsbereit und es entwickelt sich eine Freundschaft zwischen dem sanften Martin Wegner (August Diehl) und seinem Schüler.

Andreas Kleinert und Autor Thomas Wendrich belassen es inhaltlich nicht bei der Entwicklung des jungen Rico Bartsch. Sie bespitzeln auch seine Mutter (Dagmar Manzel), die mit wenigen Strichen aufschlussreich beschrieben wird, dazu ihren neuen Freund, den jähzornigen Sportlehrer und vermutlich grössten Proll der Schule (Devid Striesow). Mit inhaltsleeren Dialogen erzählt Kleinert so viel zwischen den Zeilen, dass alleine diese Episode berühren muss.

Daneben müht sich Fritzi Haberland als Musiklehrerin ab, das Herz des Deutschlehrers zu erobern. Eben das von Martin Wegner, der zwar mit ihr schläft, sie aber sonst nicht in sein Leben lässt.

Rico fühlt sich wohl, wenn er unter seiner Modelleisenbahn liegt, die auf ihrem berechenbaren Weg durch sein Zimmer fährt. Die Bahn symbolisiert seinen Vater, der unter seltsamen Umständen ums Leben kam. Der Tod spielt die grösste Nebenrolle in dieser Farce. Nicht nur einmal sterben Menschen der freundlichen kleinen Stadt. Und so wirklich interessiert sich dafür keiner. Was weg ist, ist weg.

Das Drehbuch setzt auf pointierte Dialoge und entwirft über weite Strecken unvorhersehbare Gespräche. So passiert im Hause Bartsch zwischen Mutter und Sohn durchaus so etwas wie menschliche Wärme und Verständnis. Die Frage, die sich der Zuschauer stellt, ist viel mehr: Wo will der Film eigentlich hin?

Kleinert, der dreifache Grimme-Preisträger, begnügt sich nicht mit dem Abtragen der Fassade. Er arbeitet auf den Schluss zu mit sehr bunten Ideen. Da wird mit Eclairs in Gesichtern herumgeschmiert, da werden Menschen nachgebaut. Es eskaliert, es driftet aber auch ab.

Während zunächst bei immerwährendem Tageslicht der Blick darauf gerichtet wird, was denn so eine Idylle zusammenhält, verabschiedet sich "Freischwimmer" im letzten Viertel in eine absurde, düstere Welt. Kleinert trägt dick auf und hinterlässt dabei durchaus Ratlosigkeit. Möglicherweise hätte sein Publikum auch ohne diese recht unmotivierte Überspitzung verstanden. Aber Kleinert wollte auf Nummer sicher gehen.
 
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