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Freitag, 3. September 2010
Zukunftskongress mit Auswirkungen auf die Jugendkirche PDF Drucken
Geschrieben von pierre roh   
Sonntag, 28. Januar 2007
Margot Käßmann & Wolfgang HuberMit einem Abendmahlsgottesdienst in der Stadtkirche St. Marien ist am 27. Januar in der Lutherstadt Wittenberg der Zukunftskongress der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zu Ende gegangen. Mit einer Reformdebatte reagierte die EKD auf langfristige Entwicklungen, wie etwa weiteren Mitgliederschwund, sinkende Finanzkraft und Bevölkerungsrückgang. Bei den Foren hinter verschlossenen Türen herrschte nach Aussage der Teilnehmer eine positive Grundstimmung hinsichtlich der Reformpläne.
 
"Der christliche Glaube ist eine Religion der Freiheit und der Vernunft, des freien Dienstes am Nächsten und der politischen Mitverantwortung" erklärte der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, in seinem Vortrag zur Eröffnung des Zukunftskongresses. Zukunft gewinnt die evangelische Kirche durch ihre geistliche Kraft", das sei die Mitte des erhofften und erbetenen Mentalitätswandels.

Diese Erkenntnis sei keine Absage an ein gesellschaftspolitisches Engagement. "Vielmehr ergibt sich doch die Verantwortung für Gerechtigkeit und Frieden, für die Würde des Menschen und die Bewahrung der Natur aus dem gottesdienstlichen Handeln und geistlichen Leben der Kirche selbst."

Die Reformation habe den Begriff der Kirche konsequent vom Gottesdienst und von der Verkündigung des Wortes Gottes her bestimmt. Diese Konzentration werde die nun anstehenden Reformüberlegungen bestimmen und antreiben. Alle Reformprozesse richteten sich auf die kirchlichen Kernaufgaben und auf eine Profilierung der geistlichen Grundlagen und Grundvollzüge kirchlichen Lebens: "Wir wollen an der inneren Kraft und Qualität, an der Anmut und dem Glanz unserer Gottesdienste arbeiten." Mit dieser Aussage begann die Debatte auf dem EKD-Zukunftskongress.

Der Kongress war am Donnerstagabend in der Wittenberger Stadtkirche, der Wirkungsstätte des Kirchenreformators Martin Luthers, eröffnet worden. Drei Tage lang hatten sich mehr als 300 Vertreter aller 23 Landeskirchen über die Zukunft der evangelischen Kirche und über die kirchlichen Reformperspektiven bis 2030 diskutiert und in zwölf Diskussionsforen gemeinsam Wege in die Zukunft zu entwickeln versucht. Grundlage war das vor einem halben Jahr vorgelegte EKD-Papier “Kirche der Freiheit”. Die Empfehlungen einer Expertenkommission hatten in der Kirche zum Teil heftige Kontroversen ausgelöst.bischof huber

Umstritten sei in Wittenberg vor allem die Frage nach der ‘Qualität kirchlichen Handelns’ gewesen, so der EKD-Ratsvorsitzende, Bischof Wolfgang Huber (Berlin). “Da tobte der Streit.” Kirchliche Kernaufgaben, so die Gottesdienstgestaltung, das Zusammenwirken von Ehren- und Hauptamtlichen sowie das Verhältnis von herkömmlichen und neuen Gemeindeformen stünden im Mittelpunkt der geplanten Reformen. Gottesdienste dürften aber eben nicht “an ihrer Formlosigkeit wieder erkannt werden, sondern an ihrer Form ...... Wir werden uns mit den Reformen nicht bis 2017 Zeit lassen.” Ausgehend von Wittenberg würden in den nächsten Jahren konkrete Projekte zur Umgestaltung der Kirche in Gang gesetzt werden. Dabei sei allerdings nicht die EKD am Zug, sondern die Landeskirchen.

Kritisch äusserte sich der Theologieprofessor Eberhard Jüngel aus Tübingen zu der so genannten abrahamitischen Ökumene: Dass Muslime, Juden und Christen den Stammvater Abraham anerkennen, dürfe die gravierenden Unterschiede der Religionen nicht verdecken. "Wir, die angeblich Modernen und die vermeintlich Orthodoxen, die allzu Kritischen und die allzu Unkritischen, wir, die angeblich Reaktionären und die vermeintlich Fortschrittlichen, wir sind doch Brüder. Wir sollten uns entkrampfen. Wir sollten nicht gegeneinander zu Felde ziehen, sondern brüderliche Distanz gewinnen. Wir sollten uns denken und leben lassen."

Der Zukunftskongress habe Entscheidungen nicht vorgegriffen, betonte Huber. Die Gremien von Landeskirchen und EKD müssten nun bestimmen, welche Prioritäten sie setzen wollten. Die Entscheidung über konkrete Projekte liege nun bei den Leitungsgremien der Landeskirchen und der EKG.

Der oberste Repräsentant von über 20 Millionen Protestanten äusserte die Erwartung, dass die Debatte über Grösse und Gestalt der Landeskirchen weitergehen werde. Der Reformprozess orientiere sich an der kirchlichen Aufgabe, den Glauben zu wecken und zu stärken. Die demographische und die finanzielle Entwicklung stünden nicht im Mittelpunkt, sondern seien nur Rahmenbedingungen der Veränderungen.

Glaube messe weder Erfolg noch Misserfolg nach sichtbaren Maßstäben, führte Jüngel aus. "Der Glaube kennt nur einen Erfolg: von Gott geführt zu werden. Und er kennt nur einen Misserfolg: von dem, was vor Augen liegt, verführt zu werden." Glaube vertraue auf Gottes Reichtum. "Und Gott gibt, was er hat. Er verschenkt irdischen Lebensraum und schenkt ewiges Leben, er gibt zeitliche Güter und vergibt Sünden für alle Zeit." Deshalb stehe am Ende von Abrahams Geschichte ein zu Ehren Gottes erbauter Altar. "Und so hoffen wir, dass auch die "Kirche der Freiheit” auf ihrem Weg durch das 21. Jahrhundert immer wieder einmal so frei ist, Gott einen Altar zu bauen mit Gedanken, Worten und Werken".

“Gottvertrauen und Zukunftsplanung gehören zusammen”, merkte Professor Jüngel an. Dieser Appell an die Vernunft werde immer dann notwendig, "wenn Macht zur Supermacht entarten will, wenn Lebenshunger lebensbedrohend wird, wenn geistige Stärke zur ideologischen Fessel wird und wenn geistlicher Mut zu geistlichem Hochmut, evangelischer Zuspruch zu klerikalem Anspruch entartet." Dann sei es dringend geboten, Abstand zu gewinnen. "Dann wird der Appell "Wir sind doch Brüder!” zum Ausdruck einer elementaren Entkrampfung: Wir wollen uns leben lassen."
bischöfin käßmann
Ein kritischer Gebrauch der Vernunft und die Anbetung Gottes begünstigten und beförderten sich gegenseitig und Bischof Huber ist sich bewusst, dass das Fragen der Menschen nach Glaube und Religion keine Eintagsfliege sei. Deshalb müssten Christen über ihren Glauben Auskunft geben können. “Auskunftsfähigkeit war immer eine evangelische Stärke, und sie muss erneuert werden.”

Professor Eberhard Jüngel: “Gott ist ein Freund des gesunden Menschenverstandes.” Die Perspektivkommission der EKD habe die schwierige Aufgabe gehabt, die gegenwärtige Situation der Kirche in die Zukunft zu transponieren und Ideen darüber zu entwickeln, “wie es weitergehen soll mit dem kirchlich verfassten Christentum in Deutschland”.

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) sieht sich durch den Zukunftskongress in Wittenberg in ihrem Reformkurs bestärkt, er sei nicht mehr umkehrbar, teilte Wolfgang Huber mit: “Wir sind aufgebrochen, und es gibt keinen Weg zurück.” Von Wittenberg gehe das Signal aus, dass die Konzentration auf die kirchlichen Kernaufgaben kein leeres Wort sei, sagte der Ratsvorsitzende.
 
“Nun gehe es darum, Reform- und Pilotprojekte in Gang zu bringen und gelungene Beispiele auf allen kirchlichen Ebenen bekannt zu machen” und die Präses der EKD-Synode, Barbara Rinke, äusserte die Erwartung, dass die evangelische Kirche nach Wittenberg von einer “nüchternen protestantischen Aufbruchstimmung” erfasst werde: “Man muss keine Angst haben, dass uns nach Wittenberg die Luft ausgeht.” Die Debatte werde im November in Dresden bei der EKD-Synode fortgesetzt, die das Schwerpunktthema “Aufbruch in der evangelischen Kirche” haben werde.

Die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann bemerkte, dass für viele Teilnehmer des Kongresses die EKD als eine Bezugsgrösse erkennbar geworden sei, die mehr als nur eine unverbindliche Organisationsebene im Aufbau des Protestantismus in Deutschland darstelle. In der Leitung der Landeskirche Hannovers bestehe die Bereitschaft, die Impulse aufzunehmen. Die Ergebnisse des Kongresses müssten nun in die landeskirchlichen Gremien eingebracht werden. Als Beispiele nannte sie die Entwicklung eines Kanons für das Grundwissen von Protestanten und Standards für die Fortbildung Ehrenamtlicher.

Bischof Wolfgang Huber äusserte sich zufrieden mit den Ergebnissen der Konferenz. Bestimmend sei die gemeinsame Suche nach einer evangeliumsgemässen Gestalt der Kirche gewesen, so Huber. “Und gut evangelisch streiten wir natürlich auch um den gemeinsamen Weg.” Er regte eine Zukunftswerkstatt in Wuppertal-Barmen an. Dort entstand 1934 mit der Barmer Theologischen Erklärung ein wegweisendes Lehr- und Glaubenszeugnis des 20. Jahrhunderts.

Huber zitierte in einem Schlusswort zum Kongress Paul Gerhardt, erwärmende Worte im kühlen Wittenberg:
"Mach in mir deinem Geiste Raum, dass ich dir werd ein guter Baum, und lass mich Wurzel treiben. Verleihe, dass zu deinem Ruhm ich deines Gartens schöne Blum und Pflanze möge bleiben, und Pflanze möge bleiben."
 
 
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