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Freitag, 3. September 2010
Jugendkirche zum Buß- und Bettag PDF Drucken
Geschrieben von pierre roh   
Samstag, 17. November 2007


Die jüdisch-christliche wie auch die bürgerliche Tradition haben uns gelehrt, dass der Einzelne Meister seiner selbst ist; dass sein Verstand die Kraft der Erkenntnis und sein Herz die Fähigkeit des Gewissens hat - aus sich selber heraus und in sich selber. Doch das sei zu optimistisch, meint der Hamburger Theologe Fulbert Steffensky. Verkannt wird die Schuld der Verblendung. Am Buß- und Bettag werden wir zur Umkehr aufgerufen. Dabei geht es nicht nur um innere Umkehr, auch unser Tun soll sich zum Guten hinwenden. So hören wir immer wieder neu das Wort Gottes, um zu erkennen, wo wir ihm untreu geworden sind, damit wir lernen, Gutes zu tun.

In der Bibel steht die Geschichte von Jona, der von Gott nach Ninive geschickt wird, um der Stadt ihren Untergang zu verkünden (Jona 3,4-10):

"Es sind noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen. Da glaubten die Leute von Ninive an Gott und liessen ein Fasten ausrufen und zogen alle, gross und klein, den Sack zur Buße an. Und als das vor den König von Ninive kam, stand er auf von seinem Thron und legte seinen Purpur ab und hüllte sich in den Sack und setzte sich in die Asche und liess ausrufen und sagen in Ninive als Befehl des Königs und seiner Gewaltigen: Es sollen weder Mensch noch Vieh, weder Rinder noch Schafe Nahrung zu sich nehmen, und man soll sie nicht weiden noch Wasser trinken lassen; und sie sollen sich in den Sack hüllen, Menschen und Vieh, und zu Gott rufen mit Macht. Und ein jeder bekehre sich von seinem bösen Wege und vom Frevel seiner Hände! Wer weiss? Vielleicht lässt Gott es sich gereuen und wendet sich ab von seinem grimmigen Zorn, dass wir nicht verderben. Als aber Gott ihr Tun sah, wie sie sich bekehrten von ihrem bösen Wege, reute ihn das Übel, das er ihnen angekündigt hatte, und tat’s nicht."

Gemeinsame Bußzeiten waren schon in der Antike bestens bekannt, eigentlich seit Beginn der theologischen Interpretation des Seins gab es Buß- und Bettage, die mit Fasten und innerer Einkehr einhergingen. Die Buß- und Bettage können auf die Römische Religion zurückgeführt werden, da die Chritianisierung grossen Stils von dort ausging; besondere Sühneopfer sollten die Götter gnädig stimmen. Aber im Alten Testament wimmelt es auch von Sühne, Strafe und Opfern.

In der christlichen Theologie sind sie dreifach begründet. Zunächst als Tage des fürbittenden Eintretens der Kirche für die Schuld der Gläubigen vor Gott. Dann soll die Kirche an den Bußtagen ihre Wächterfunktion den Sünden der Zeit gegenüber ausüben. Und schliesslich sollten Bußtage dem einzelnen dazu dienen, sein Gewissen vor Gott zu prüfen. In Rom gab es zum Beispiel die "feriae piaculares", die Not und Kriegsgefahr abwenden sollten.

Der Sinn des Buß- und Bettages wurde unterschiedlich interpretiert. Mal sollte das Volk büssen und beten, mal die Obrigkeit aufgefordert werden, ihr Denken und Handeln zu prüfen und gegebenenfalls zu Änderungen bereit sein - die Stürmung des Rathauses am 11.11. 11 Uhr 11 geht darauf zurück.

In der römischen Kirche hat sich mancherorts der Mittwoch und Freitag als Fastentag erhalten (der Mittwoch gilt als Tag des Verrats, der Freitag als Tag der Kreuzigung Jesu). Aus diesen Tagen entstanden Fastenzeiten vor den grossen Festen, von denen uns die Adventszeit und die Fastenzeit vor Ostern erhalten sind.

Im Mittelalter gab es zweierlei Bußtage: Die einen wurden bei Bedarf von der Obrigkeit angeordnet, die anderen, die Quatembertage etwa, ergaben sich aus der kirchlichen Ordnung. Den ersten Bettag feierte sie, auf kaiserliche Anordnung hin und wegen der Türkengefahr, im Jahr 1532 in Strassburg.

Die protestantische Kirche hat die Praxis der Bußtage übernommen, indem sie wöchentliche Buß- und Bettage am Dienstag einführte. Für das 16. und 17. Jahrhundert kann die grosse Anzahl der regionalen Buß- und Bettage schon fast inflationär genannt werden. So gab es beispielsweise 1878 in den deutschen Ländern insgesamt 47 Bußtage an 24 Terminen.

Beliebt waren solche Tage (mit ganztägigem Gottesdienst) nicht, so dass die Aufklärung im 18. Jahrhundert leichtes Spiel hatte, die Praxis unter den Protestanten drastisch einzuschränken. 1852 wurde von der Eisenacher Konferenz erstmalig ein einheitlicher Buß- und Bettag vorgeschlagen, jedoch erst 1934 von der Evangelischen Kirche Deutschland eingeführt. Heute ist uns nur der Tag in der Mitte der vorletzten Woche des Kirchenjahres als kirchlicher Buß- und Bettag, mit der liturgischen Farbe Violett als Farbe der Buße und des Gebets, erhalten.

Allerdings ist es den Gemeinden freigestellt, weiter Bittage zu begehen (sogenannte Bitttage und Bittgottesdienste). Im Gottesdienst wird die Litanei (EG 192) gesungen, und es schweigt das Halleluja. Der frühestmögliche Termin ist der 16. November, der spätestmögliche der 22. November. Der nächste Buß- und Bettag ist der 21. November 2007. Im 20. Jahrhundert wurde er wie auch heute meist am Mittwoch vor dem Ewigkeitssonntag (der letzte Sonntag des Kirchenjahres) begangen, also am Mittwoch vor dem 23. November bzw. 11 Tage vor dem ersten Adventssonntag.

Im Jahr 1994 wurde beschlossen, den Buß- und Bettag als arbeitsfreien Tag mit Wirkung ab 1995 zu streichen, um die Mehrbelastung für die Arbeitgeber durch die Beiträge zur neu eingeführten Pflegeversicherung durch Mehrarbeit der Arbeitnehmer auszugleichen.

Lediglich im Freistaat Sachsen besteht er bis heute als gesetzlicher Feiertag weiter und der Eidgenössische Dank-, Buß- und Bettag ist ein hoher Feiertag in der Schweiz, entsprechend Karfreitag, Ostersonntag oder Weihnachten und trotz seiner Abschaffung als gesetzlicher Feiertag in Deutschland, ist der Buß- und Bettag immer noch ein wichtiger Bestandteil des protestantisch-christlichen Glaubens.

Aktuelle Ansatzpunkte, den Buß- und Bettag wieder zu einem gesetzlichen Feiertag zu machen, sieht der Bischof Wolfgang Huber derzeit nicht. "Wir versuchen, den Buß- und Bettag als kirchlichen Feiertag so intensiv zu nutzen wie möglich", ergänzte er. In einigen Regionen Deutschlands sei der Gottesdienstbesuch heute besser als vor der Abschaffung des Feiertages.

Der Buß- und Bettag ist für evangelische Christen ein Tag der Besinnung und Neuorientierung. Er wurde 1995 zur Finanzierung der Pflegeversicherung in allen Bundesländern ausser in Sachsen als gesetzlicher Feiertag ersatzlos gestrichen.

Die Grundüberzeugung, dass arbeitsfreier Tag und Gottesdiensttag zusammengehören, habe mit der Streichung des Feiertages einen Einbruch erlebt, argumentierte der EKD-Ratsvorsitzende. Zudem habe Sachsen gezeigt, dass es auch anders gehe: "Insofern muss man nach wie vor sagen, das war eine unnötige und schädliche Massnahme."
 
Allerdings gibt es in Deutschland keinen breiten gesellschaftlichen Diskurs über einen säkularen Sündenbegriff, findet Evamaria Bohle. Denn sowohl die trivialen Aneignungen wie Diätsünde oder Verkehrssünder, als auch die wenigen intellektuellen Annäherungen etablieren nur einen neuen Moralismus und fallen hinter die Einsichten der Reformation zurück.

Die moralische Ansicht von Sünde, die für den heutigen Sprachgebrauch so bestimmend ist, tritt in den biblischen Aussagen ganz zurück. Heutzutage ist ein Begriff von Sünde vorherrschend, der lebensdienlich und wirklichkeitserschliessend sein soll. Das Böse stellt ein Konglomerat dar, in das jeder jederzeit und unausweichlich verstrickt werden kann.

Entzieht die Rede von der Sünde der Vorstellung vom freien und zum guten, verantwortlichen Leben fähigen Menschen das Fundament? Möglich, allerdings nur, wenn man sie aus dem Zusammenhang des Glaubens an Gott herauslöst. Sonst eröffnet die Rede von der Sünde und ihrer Vergebung eine befreiende Perspektive auf den Menschen, sagt Michael Fricke, Professor für Religionspädagogik in Bamberg.

"Gerechtigkeit erhöht ein Volk, aber die Sünde ist der Leute Verderben" (Spr 14, 34). Den rechten Weg kann nur Gott selbst weisen, und so ist das Gebet wesentlicher Bestandteil christlichen alltäglichen Lebens. Das Wort "Buße" lässt allerdings unrichtige Assoziationen aufkommen. Es geht bei diesem Tag nicht um Büssen für begangene Vergehen im Sinne von "bestraft werden", sondern um eine Haltungsänderung, eine Umkehr zu Gott hin.
 
Das ganze Leben ist ein Wachstums- und Entwicklungsprozess. Immer wieder geht es darum, sich von Liebgewordenem zu verabschieden, vertraute Kreise zu verlassen und sich auf Neues, Unbekanntes einzulassen. Um weiter wachsen und reifen zu können, müssen festgefahrene Kreise verlassen, zu eng gewordene Fesseln gesprengt werden.
 
Es gibt nämlich vieles, das in unserem Leben so verfahren sein kann, dass wir uns mit unserer Kraft allein gar nicht mehr befreien können: eine Abhängigkeit, die das Leben kaputtmacht, eine Verhaltensweise, die zum Zwang geworden ist, oder der gesellschaftliche Druck, so oder so sein zu müssen, um dazuzugehören. Zu wissen, dass Gott zum Umkehren einlädt, kann ungeahnte Kräfte freisetzen.
 
Albert Schweitzer:
"Gut ist, Leben erhalten und fördern.
Schlecht ist, Leben hemmen und zerstören.

Sittlich sind wir, wenn wir aus unserem Eigensinn heraustreten,
die Fremdheit den anderen Wesen gegenüber ablegen
und alles, was sich von ihrem Erleben um uns abspielt,
miterleben und miterleiden.

In dieser Eigenschaft erst sind wir wahrhaft Menschen.
In ihr erst besitzen wir eine eigene, unverlierbare,
fort und fort entwickelbare sich orientierende Sittlichkeit."
Denn das ist das rechte Opfer, das wir unserem Gott schuldig sind.
 
2009
ist der
Buß- und Bettag
am
18. November
 
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