"Hey, Big D!" Dudley drehte sich um. "Oh", grunzte er. "Du bist's." - "Seit wann bist du eigentlich 'Big D'?", sagte Harry. "Klappe", raunzte Dudley und wandte sich ab.
Ähnlich flapsig wie diese Stelle aus dem fünften Harry-Potter-Band könnten bald auch Teile der Bibel klingen - zumindest wenn es nach namhaften deutschen Christen geht, die jetzt eine moderne Übersetzung der Heiligen Schrift fordern.
Umstrittene Modernisierung
Damit ernteten die Theologen prompt Häme im deutschen Feuilleton. Die "Süddeutsche Zeitung" titelt ironisch mit "Das Buch Potter" und fragt: "Was hat die evangelischen Kirchenoberen nun geritten, die Seele der Luther-Bibel an Harry Potter zu verkaufen?"
Das Buch der Bücher sei schliesslich schon lange vor dem erfolgsverwöhnten Zauberlehrling ein Weltbestseller gewesen. Und ausgerechnet Literaturhistoriker Walter Jens, der nach Schibilskys Wunsch zu den neuen Übersetzern gehören sollte, sprach seinerzeit von "Mord an Luther" und "Supermarktstil".
Die Schwierigkeit liegt auf der Hand. Wenn heute die Jugendlichen die Bibel lesen, tun sie sich nicht nur bei den erzählerischen Teilen schwer. Bestimmte Worte, wie zum Beispiel der Ausdruck ”prassen”, sind nicht mehr allen geläufig. Da ist schon mal genug Gesprächsbedarf da - der trifft aber für das Verständnis von Texten allgemein zu.
Zeitgeist?
Bei der Interpretation von Texten tun sich Jugendliche heute nicht leicht. Verstehen lernen, daran werden alle verstärkt arbeiten müssen. Die entscheidende Frage für uns heisst jedoch, ist die Lösung des Verständnisproblems die Anpassung?
Namhafte Protestanten in Deutschland forderten eine moderne Übersetzung der Luther-Bibel. Nach Ideen des Vizepräsidenten der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Michael Schibilsky, arbeitete ein zwölfköpfiges Übersetzerteam daran, Buch für Buch in aktuelle Sprechsprache zu übertragen. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei dem Verhältnis zwischen jüdischer und christlicher Religion, Frauen und Männern sowie sozial schwachen und sozial privilegierten Personen.
Die Idee stösst in der Bibelgesellschaft, die das Projekt absegnen müsse, auf nicht gelinde Ablehnung. "Eine Übersetzung der Luther-Bibel von 1984 ist nicht notwendig", erklärte Bischof Walter Klaiber von der Evangelisch-Methodistischen Kirche in Deutschland. "Es gibt keinen Konsens für einen neuen Luther."
Vielfältige, oft gewagte InterpretationenDie ersten biblischen Texte oder deren Vorlagen entstanden bereits im 10. bis 2. Jahrhundert vor Christi. Sie wurden in einer Kultur, Sprache und Denkart verfasst, die sich von der unsrigen stark unterscheidet. Es gibt daher immer wieder Versuche, die Bibel auch in unsere Denkweise und Vorstellungswelt zu übersetzen. Solche Versuche sind zulässig, sofern klar gemacht wird, dass es sich eigentlich nicht um Übersetzungen, sondern um Übertragungen des biblischen Urtextes handelt.

Dazu zählen neben der evangelischen Luther-Bibel und der katholischen Einheitsübersetzung die Elberfelder, die Zürcher und die Gideonbibel und moderne Versionen wie die "Gute Nachricht" und die "Hoffnung für alle".
Beliebt sind auch Dialektversionen der Heiligen Schrift, etwa auf Schwäbisch, Plattdeutsch und Kärntnerisch. Wolfgang Teuschl übertrug 1971 das Neue Testament recht frei ins Wienerische.
Dass in "Da Jesus & seine Hawara" der Gottessohn gerne "habert" und "tschechert" und am Ölberg betet: "Foda, muas i de Grod wirklich fressn?", sorgte damals für heftige Diskussionen. Vor wenigen Jahren erschien eine von Kurt Ostbahn gelesene, recht unterhaltende Hörbuchversion.
Gerechter Konsens?Die revidierte Ausgabe der Luther-Bibel, das wichtigste Schriftstück der Protestanten, ist seit 1984 unverändert. Eine höchst umstrittene "modernisierte" Fassung aus dem Jahr 1971 musste zuvor revidiert werden. Für eine "Bibel in gerechter Sprache" übersetzten jahrelang 53 Sprachkundler die hebräischen und griechischen Ur-Bibeltexte erneut ins Deutsche.
Am Projekt beteiligen sich renommierte Wissenschafter wie der Bielefelder Professor Frank Crüsemann, seine Bochumer Kollegen Klaus Wengst und Jürgen Ebach sowie Luise Schottroff aus Berkley (USA). Die Resultate will Schibilsky wie einen "Fortsetzungsroman veröffentlichen und vom Volk diskutieren lassen".

Als "gerecht" bezeichnen die Herausgeber die angestrebte Bibelübersetzung vor allem deshalb, weil sie feministische Forderungen übernimmt und auch dem Antisemitismus entgegenwirken will. In dieser zeitgemässen Bibel würde statt "Vater" für Gott "Vater und Mutter" stehen, aus dem "Heiligen Geist" würde "Heilige Geistkraft". Ausserdem sollen weibliche Gottesnamen wie "Bärenmutter" (Hosea 13,8) und "Hebamme" (Ps 22,10) stärker betont werden.
Seit Jahrzehnten verlangt die so genannte feministische Theologie Korrekturen der Bibelübersetzungen. Der Direktor des Katholischen Bibelwerkes in Stuttgart, Franz-Josef Ortkemper, hält die feministische Theologie "zwar für berechtigt, aber übertreiben sollte man das nicht".
"Wir müssen die Texte, die wir als Erbe mitsprechen, nicht immer alle Wort für Wort zu den unseren machen. Ich kann mich gut fallen lassen in dieses Erbe der Väter und Mütter im Glauben", hält die Bischöfin Margot Käßmann, eine der Mitautorinnen und Unterstützerinnen der "Bibel in gerechter Sprache" entgegen, und zum vorherrschenden Frauenbild der heutigen evangelischen Kirche:
"Die evangelische Kirche hat angefangen zu entdecken, dass in der Bibel die Unterordnung nicht das Hauptthema ist, wie es Jahrhunderte lang tradiert wurde. Gott schuf den Menschen in Vielfalt, beide Bereiche spiegeln die Wirklichkeit Gottes. Das wird stärker erkannt, aber die Kirche ist deswegen nicht die Speerspitze der Veränderungsbewegung.
Es wird dauern, bis klar ist, dass es nicht um eine herablassende Frauenförderung geht. Sondern dass es ein Defizit der Kirche ist, wenn nicht beide Geschlechter in allen Ebenen agieren. ... Ich halte die Übersetzung für spannend - sie will doch die Luther-Übersetzung nicht ersetzen. Ich erhalte an der Stelle auch nur Kritik von Männern, denen das Angst macht. Das ist eine Erschütterung ihres Gottesbildes."
Bereits viele 'Modernisierungen' der Bibel im UmlaufDas Neue Testament mit der Zentralfigur Jesus Christus wurde etwa in den Jahren 50 bis 100 verfasst: Apostelgeschichte, vier Evangelien, zahlreiche Briefe vor allem des Apostels Paulus und die prophetische Offenbarung des Johannes. Nach Angaben der EKD gibt es gegenwärtig insgesamt 34 deutsche Bibelübersetzungen oder Übersetzungen von Bibelteilen.

Eine alternative Bibelversion "Gute Nachricht" wurde vor Weihnachten zwischen Tiefkühlpizza und Dosenbier beim deutschen Diskonter Aldi Nord verkauft. "Eine "grandiose Idee", begeisterte sich Theologe Schibilsky daraufhin, der religiöse Text sei schliesslich ein "Grundnahrungsmittel".
Die "Gute Nachricht" ist eine von der evangelischen und der katholischen Kirche gleichermassen anerkannte Übersetzung aus dem Jahr 1997, die unter anderem die "Männerzentriertheit" früherer Versionen vermeiden wollte. Die wichtigste Übersetzung für die katholische Kirche ist aber die so genannte Einheitsbibel des Bibelwerks, die in den 70ern entstand.
Dazu gehören auch die jüdischen Geschichtsbücher mit den Büchern Mose zum Auftakt, Lehrbücher (Hiob und Salomo-Texte) samt der Liedersammlung der Psalmen, die Prophetenbücher mit Jesaja an der Spitze und die "Nebenschriften" der Apokryphen.
Laut dem Weltbund der Bibelgesellschaften wurden Teile der Heiligen Schrift bisher in 2.287 Sprachen übersetzt, das Neue Testament in 1.012 und die vollständige Bibel in 392 Sprachen. Die Bibel ist damit das am häufigsten übersetzte Schriftwerk seit der Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg.
Das Buch Potter wird es wohl in absehbarer Zeit nicht geben, obwohl bereits angeblich an einer Übertragung der Bibel in den gegenwärtigen Jugendslang gearbeitet wird. Betrachtet man sich diesen aber, wird man feststellen, dass er einer permanenten Veränderung unterworfen ist, die eine vermeintliche Aktualität ad absurdum führen muss: "Heute aktuell? Ne, entwickelt sich zu schnell!"

Demgegenüber könnte ein "Buch Potter" tatsächlich grösseren Bestand haben, sieht man von manchen Meinungen ab, die die sieben Bände der Potter-Reihe in die Nähe des Okkulten gerückt sehen wollen, und der Papst mag Harry Potter sowieso nicht: Wie erst jetzt einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde, machte Joseph Ratzinger schon als Kardinal unmissverständlich klar, wie sehr ihm der gewiefte Zauberlehrling und sein fantastisches, übernatürliches Umfeld ein Dorn im Auge sei.
Nachdem dieser Tage die Autorin der Bestseller-Romane, J.K. Rowling, Harrys Mentor Dumbledore gar als homosexuell outete, dürften den Überlegungen einer Bibel in potterscher Sprache einen empfindlichen Schlag versetzt haben. Die überraschende Information lieferte Autorin Rowling bei einer Lesung in der New Yorker Carnegie-Hall: Ein junger Fan hatte sie gefragt, ob Dumbledore jemals verliebt gewesen sei. "Um ehrlich zu sein, ich habe ihn mir immer schwul vorgestellt", sagte Rowling nach Angaben der Potter-Internetseite TheLeakyCauldron.org.
Aber egal:
Harry Potter bleibt ein Phänomen - so oder so. Die Geschichte vom Zauberlehrling Harry Potter wurde in 64 Sprachen übersetzt. Am Samstag kommt der finale Band in deutscher Sprache auf den Markt.
Original-Bibel als 'Potter'-Hörbuch? Die Deutsche Bibelgesellschaft gibt als einziger deutscher Verlag eine komplette Hörbibel heraus. Die Grosse HörBibel in der revidierten Übersetzung nach Martin Luther von 1984 ist eine szenische Lesung, bei der mehr als 80 Schauspielerinnen und Schauspieler in verteilten Rollen mitgewirkt haben. Auf der Frankfurter Buchmesse 2007 wurde die Grosse HörBibel erstmals dem Publikum vorgestellt.
Mit dabei ist auch der bekannteste deutsche Sprecher Christian Brückner (Synchronstimme von Robert de Niro), der Johannes den Täufer gibt. In weiteren Rollen sprechen unter anderen Michael Mendl, Walter Kreye, Marianne Rogée und Peer Augustinski, die alle aus zahlreichen Fernseh- und Hörbuchproduktionen bekannt sind.
Während sich diese Hörbuch-Bibel wohl eher an ein "erwachsenes" Publikum wendet, gibt es auch zahlreiche Kinder-Bibel-Versionen in gesprochener Form - eine spezielle Bibelversion im "Original" auf Tonträger, die Jugendliche ansprechen könnte, ist mir bisher nicht bekannt - und wohl den Jugendlichen auch nicht, wie ich hörte.

Bibel? So nennt sich heute vieles: Designer-Bibel, Vegetarier-Bibel oder Rapper-Bibel ... Alles im Angebot. Die Bibeln der Deutschen Bibelgesellschaft beschäftigen sich dagegen nur mit dem Original. Mehr als eine halbe Million Bibeln und eine Million Kinderbibelbücher verbreitet die Bibelgesellschaft jährlich. Dazu kommen Hilfen zum Bibellesen und Materialien zur Gemeindearbeit. Eine Potter-Hörbuch- Bibel wäre schon aus diesem Grund denkbar, da sie sich speziell an ein jugendliches Publikum wenden würde und eine Lücke schliessen könnte, die ganze Bibel für junge Erwachsene erfahrbar zu machen.
Als Vorleser sollte natürlich Ruphus Beck eine der tragenden Rollen übernehmen; aber auch Wolfgang Hess, der im Film Albus Dumbledore synchronisierte, müsste dabei sein, ebenso wie Nico Sablik (Harry Potter), Gabrielle Pietermann (Hermine Granger), Moritz Pertramer (Draco Malfoy), Bernd Rumpf (Severus Snape), Edith Schneider (Minerva McGonagall), Hartmut Neugebauer (Rubeus Hagrid) sowie Max Felder (Ron Weasley) und Neville Longbottom alias Fabian Rohm, um lediglich die zwingenden Charaktere zu benennen.
Die Deutsche Bibelgesellschaft wäre für ein solche Unterfangen bestens gerüstet, könnte sie doch ihrem Auftrag, die Bibel für Menschen von heute erfahrbar machen, eine weitere Variante hinzufügen: Die komplette Bibel für Jugendliche in 80 Stunden. Und der Umschlag müsste von Sabine Wilharm entworfen sein.