Soziale Interaktion zwischen Jugendlichen läuft mehr und mehr Online ab und nicht selten entwickeln sich dabei Sog-Zustände und ein Gefühl, unbedingt dabei sein zu müssen. Auch Bernhard Fuhs, Professor für Lernen und neue Medien an der Universität Erfurt, machte die Erfahrung, dass Jugendliche im Internet nach Vorbildern, Helden, Unterhaltung und Bildung fahnden.

Die Kirche sollte sich bewusst machen, dass sie in einem Medienzeitalter lebt und dementsprechend Fernsehen und Zeitungen, aber auch die neuen Medien für ihre Anliegen mehr nutzten müsse, forderte der Erzbischof der australischen Stadt Perth, Barry Hickey. Defizite sieht er besonders bei Fernsehen und Internet, aber auch Internetseiten und Chatrooms könne die Kirche besser nutzen, um sich selbst darzustellen. "Dabei sollten wir besser auf die Welt hören und ihr antworten", so Hickey. "Die Kirche müsse ihre defensive Haltung aufgeben und kraftvoller auftreten."
Junge Menschen würden von sich aus nicht nach problematischen Inhalten suchen, so Fuhs und: "Wer im Internet surft, ist immer auf der Suche. Etwas besseres als den Glauben kann keiner finden", weiss der Geschäftsführer der 1996 ins Leben gerufenen 'Christliche InterNet-Arbeitsgemeinschaft' (CINA) Joachim Stängle. Und jetzt der '
Second Life''-Medienhype.

Da im Second Life (im 2. Leben) so ziemlich alle Bereiche des Real Life (des wirklichen Leben) abgebildet werden, gibt es natürlich Religionsgemeinschaften und Kirchen und der Glaube an Jesus ist durchaus präsent. Die
Second Life-Christen haben sich ebenfalls in Gruppen organisiert und es gibt bereits einige Kirchengemeinden aller Glaubensrichtungen, und architektonische Nachbildungen berühmter Kirchen und Kathedralen entwickeln sich rapide in Second Life.
Den gleichen Fehler, den die christlichen Kirchen über Jahre hinweg bewegte, eine reine Erwachsenenkirche zu etablieren, die sich mit schwindendem Gläubigerpotential bemerkbar machte - besonders schmerzlich durch die finanziellen Einbussen, die massenhafte Kirchenaustritte nach sich zogen, wird mit der Handhabung neuartiger Medien zumindest in Deutschland wiederholt. Gerade in Bezug auf die Jugendlichen, die privat inzwischen zu grossen Teilen ins Internet eingebunden sind - aber von einer virtuellen Jugendkirche nichts in Sicht.
Kleinere Gemeinden und auch Mega-Churches amerikanischen Zuschnitts sind bereits präsent und es entwickelten Communities aller Konfessionen die Idee eines virtuellen Seelsorgeauftrages; von der Katholischen Kirche, über die jüdische und islamische Gemeinschaft bis hin zur Mormonen Community - mit wachsendem Zuspruch durch die
Second Life Relatives - aber auch hier bleibt die chrisliche Jugendarbeit auf der Strecke.
Gerade der Schutz durch die Anonymität ihrer Persönlichkeit in
Second Life führt bei den Avataren zu einer bisher unbekannten Offenheit und einem Verlangen nach einem

intensiven Austausch und aktiver Mitwirkung. Immerhin veranstaltet Jesus House regelmässige Events, die sie in naher Zukunft noch zu intensivieren gedenkt.
Vielleicht soll hier ein Versuch unternommen werden, dem Fehlen von echten Gefühlen und der Beschränkung von Kultur und Religion im realen Leben, entgegenzuwirken. Vielleicht schafft die virtuelle Präsenz der teilnehmenden Personen eine Nähe, die mit anderen Formen der digitalen Kommunikation nicht möglich ist.
Ziel sollte es sein, Jugendkirchen um die Second Life Standorte oder vergleichbare Plattformen zu bilden und langfristig zu betreuen. Christliche Religionsgemeinschaften sollten daher ganzheitliche Jugend-Konzepte entwickeln, die eine aktive Einbindung und Betreuung der Teilnehmer berücksichtigt, ein dauerhaftes 'Themenmanagement' garantiert und so ein organisches Wachstum der
Second Life Bewohner ermöglicht. Einmalige punktuelle Projekte werden, wie im realen Leben, von den
Second Life Usern langfristig mit Nichtachtung gestraft und können gar negative Rückwirkungseffekte im realen Leben nach sich ziehen.
Denn bei allen schönen Visionen der virtuellen Welt bleibt doch unter Umständen da und dort ein Realitätsverlust zurück. Dass "
Second Life"-Spieler jeglichen Bezug zur Wirklichkeit verlieren, sei nur bei Personen möglich, die auch unabhängig von dem Spiel einen Realitätsverlust entwickelt hätten, meinte der Wiener Psychologe und

Psychotherapeut Gerald Kral. Die virtuelle 3D-Welt könne ein solches krankhaftes Verhalten nicht ursächlich bewirken, sehr wohl aber der Auslöser dafür sein.
Der Rückzug ins Virtuelle wird zur Abhängigkeit, das Aufhören zum Entzug. Das reale Leben hat keine Bedeutung mehr und ist nur mehr lästiges Beiwerk, und soziale Kontakte, familiäre Verbindungen und langlebige Freundschaften lassen sich nur mühsamst aufrechterhalten und bis jetzt fehlt die christliche Einbindung der Jugendlichen im Netz, die eine solche Entwicklung auffangen könnte.
Vor einer virtuellen Religion ohne persönlichen Kontakt zu Gemeinden und Kirchen hat allerdings der Chef des Bundeskanzleramts, Thomas de Maizière (CDU), gewarnt. Wie er sagte, etablieren sich immer mehr virtuelle und multimediale religiöse Angebote. Als ein Beispiel nannte er die Internetplattform „Second Life“ (Zweites Leben), wo man ein virtuelles Leben im weltweiten Datennetz führen und auch Gottesdienste besuchen kann. Im Unterschied zu solchen Entwicklungen muss die kirchliche Medienarbeit laut de Maiziere Lust machen auf authentische Begegnungen. Gemeinschaft mit Christen sei etwas anderes als eine virtuelle Religiosität. "Kommunion und Abendmahl gibt es nun einmal nur in einer realen und nicht in einer virtuellen Gemeinde."
Es bleibt also abzuwarten, welchen Raum christlche Jugendarbeit in den virtuelle Welten im “Web” der Zukunft einnehmen wird. Eine neues Paradies entsteht dort sicherlich nicht. Auch die Offenheit die wir derzeit im Netz vorfinden, mit all den APIs, Mikroformaten, Feeds und flexiblen Systemen wird uns das Metaversum nicht bieten können - vielleicht aber einen Ort zur Kommunikation - und zur Zerstreuung allemal.

Die Pop-Gruppen Duran Duran und U2 sind schon aufgetreten. Jede Menge Bands und Sänger geben Konzerte. Die französische Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal betreibt eine lebhafte "Wahlpropaganda" und die Berliner Universität der Künste wirbt für den neuen Studiengang "Leadership in Digitaler Kommunikation" und plant nach dem Vorbild von US-Universitäten eine Second-Life-Dependence. Der Musikkonzern SonyBMG stellt Musik vor, der US-Fernsehsender NBC veranstaltet Konzerte, Kino gibt es allenthalben. Weltweite virtuelle Showrooms eben.
Allerdings: So verlockend ein perfektes Leben nach allen seinen Wunschvorstellungen bei Second Life auch scheinen mag, man sollte sich nicht zu sehr in der Online-Welt verlieren, denn sonst kann aus einem 'Möchtegernparadies' ganz schnell eine Hölle werden, von der man sich nicht so ohne weiteres zu lösen vermag - und dann hat Gott sei Dank ein Computer-Wurm die Second Life-Welt mehrere Tage lang zum Stillstand gebracht: virtuelle Apokalypse.