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Donnerstag, 9. September 2010
Wir vernetzen Jugendkirchen PDF Drucken
Geschrieben von Badisches Tagblatt / red. Pierre Roh   
Freitag, 1. Juni 2007
"Damit das Rad nicht neu erfunden werden muss": Kuppenheimer Verein vernetzt Jugendkirchen in Deutschland und betreibt Internetportal. "Wir versuchen, als Techniker zu helfen"

Rund 80 Jugendkirchen (Jukis) gibt es bisher in Deutschland, an die 100 schätzungsweise im deutschsprachigen Raum. Und wenn es nach Willi Schönauer geht, dann sollte es noch viel mehr geben. Der 47-Jährige ist Vorsitzender und Geschäftsführer des gemeinnützigen Vereins Jugendkirchen- Netzwerk mit Hauptsitz in Kuppenheim. Der Verein hat sich laut Satzung zum Ziel gesetzt, "Jukis als zeitgemäße Form christlich-kirchlicher Jugendarbeit zu fördern und sie zu vernetzen" und betreibt daher ein Internetportal über Konfessionsgrenzen hinweg.

"Jukis" - das sind christliche Kirchen, die von Jugendlichen relativ frei gestaltet werden können - mit "fetzigen Jugend- gottesdiensten" oder jugendkulturellen Veranstaltungen, "die nicht total neben dem Interesse von Kirche liegen", erläutert Schönauer. Das können etwa Live-Auftritte von Bands sein, Musicals oder Theateraufführungen, für die auch im Kirchenraum geprobt wird.

Halbe oder ganze Gotteshäuser werden inzwischen sowohl von evangelischer als auch katholischer Seite für solche Projekte zur Verfügung gestellt, weil die Gebäude meist - außer bei Gottesdiensten - wenig genutzt sind, berichtet Schönauer. Die Projekte seien ausgerichtet auf die Lebenswelt, die ästhetischen Bedürfnisse und Sprachgewohnheiten von Jugendlichen.

Der Verein Jugendkirchen-Netzwerk will diese Projekte in einer Gesamtschau im Internet darstellen. Außerdem bietet er Serviceleistungen vor Ort an. "Wir geben Starthilfe für neu entstehende Projekte und fahren dafür in ganz Deutschland herum, wir helfen im organisatorisch-praktischen Bereich sowie beim Kulturmanagement und fördern den Know-how-Transfer, damit das Rad nicht überall neu erfunden werden muss", listet der Vorsitzende die Aufgaben auf. Das Know-how erstreckt sich von Tipps zum Projektaufbau über die Erstellung von Machbarkeitsstudien und Budgetplanung bis hin zur Beratung bei der Ausstattung und Veranstaltungstechnik. Auch Workshops werden veranstaltet.

In der Hauptstelle in Kuppenheim - sie befindet sich in Schönauers Elternhaus - sind neben dem Geschäftsführer vier angestellte Mitarbeiter tätig, die jeweils eine 65-Prozent-Stelle haben. Es gibt auch eine Auszubildende, die den Beruf der Veranstaltungskauffrau erlernt. Die 24-jährige Tina Ibach hat bereits Jugendkirchenprojekte begleitet - so ein Musical von Jugendlichen, das auf Tournee in Deutschland war. Außerdem komplettieren einige ehrenamtliche Helfer und bis zu 21 Arbeitsgelegenheits-Mitarbeiter das Team, die von dem gelernten Industriekaufmann Frank Münscher betreut werden.

Deren Tätigkeit beim Verein soll dort so gestaltet werden, "dass sie auch selbst etwas davon haben", erläutert Schönauer die Intention. Damit die Arbeitslosen nach einem halben Jahr Dienst möglichst in einen regulären Job vermittelt werden können, unterstützt sie der Verein mit Coaching, Begleitung und Jobvermittlung. In Einzelgesprächen versucht Münscher zunächst herauszufinden, wo verdeckte Vermittlungshemmnisse liegen, um dann gezielt angreifen und mit den Betroffenen eine Perspektive entwickeln zu können.

Eingesetzt werden die Ein-Euro-Jobber für zusätzliche Aufgaben - etwa bei der Recherche für das Internetportal, im handwerklichen Bereich oder bei der Restaurierung eines alten Hanomags. Am Anfang konnten an die 60 Prozent der Leute in feste Arbeitsstellen vermittelt werden, so Schönauer, einige davon im Verein selbst. Inzwischen sei die Quote aber gesunken. Auch ein Behindertenarbeitsplatz für einen Graphiker und Webmaster wurde geschaffen.

Der Verein finanziert sich vor allem durch Mitgliedsbeiträge und Spenden. "Wir arbeiten knapp am Existenzminimum und müssen viele Klimmzüge machen", bekennt Schönauer, der deshalb um Unterstützung wirbt. Allein der Betrieb des Internetportals koste im Jahr 18'000 Euro. Fördertöpfe zu finden, sei indes nicht leicht. Zwar arbeite der Verein konsequent ökumenisch und unterstützt ausschließlich Jugendkirchenprojekte innerhalb der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACK) - "dennoch oder gerade deswegen ist es recht schwierig, Zuschüsse von evangelischen oder katholischen Kirchen zu erhalten, obwohl unsere Arbeit dort sehr geschätzt wird", verdeutlicht er.

Jugendliche hätten sehr wohl spirituelles Interesse, sagt Schönauer. Kirche müsse daher in den nächsten Jahren viel mehr zielgruppenorientiert arbeiten: "Seit 1968 gehen die Zahlen der von Kirchen erreichten Jugendlichen nach unten", beruft er sich auf entsprechende Studien. Um dieser Tendenz entgegen zu wirken, sei Jugendkirche ein wirksames Mittel, ist er überzeugt.

Die Erfahrungen jedenfalls zeigten, dass dort, wo Jugendkirchen angeboten werden, die entsprechende Nachfrage steige. Auch in der Region gebe es Interessierte, die solche Projekte in Baden-Baden, Karlsruhe und Achern "vorsondieren" wollen. Schönauer: "Da sind wir involviert und unterstützen diesen Prozess."
 
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