
Ein Gottesdienst in einer Pfarrkirche im Osten Berlins; es ist Freitagabend und es ist nicht viel los. 25 Leute vielleicht, der Gesang kommt vom Band. Jugendpfarrer R. predigt die Geschichte von der Bekehrung des Saulus. Das ist eine gute Geschichte. Weil sie so plastisch ist und sich fast auf jedes aktuelle Thema beziehen lässt. Saulus, erbitterter Verfolger der Urchristen, erscheint auf seinem Weg nach Damaskus plötzlich Gottes Sohn, der ihn vom Christentum überzeugt. Vom Saulus zum Paulus. Nicht nur die Geburtsstunde einer Redewendung. Die Lehre aus dem Damaskuserlebnis, so R., sei, dass Jesus nicht die äusseren Umstände sondern auch den Menschen verändert habe. Wenn es doch so einfach wäre, wie es klingt.
R. sitzt nach der Andacht in seiner Pfarrwohnung, Holzbalken an der Decke, rutschfester Linoleumboden, unzählige Bücher, ein Marsupilami aus Pappmaschee. Den langen, schmalen Oberkörper hat er vorgebeugt, die Hände wie zum Gebet gefaltet. Sein feierliches Gewand hat er abgelegt, er trägt jetzt schwarze Jeans. Sonntags solle man vorbeikommen, sagt er, da sei es proppenvoll.
Ein Riesenknall sei der Missbrauchsskandal gewesen, hatte Pater Mertes gesagt.
Kommen seit diesem Riesenknall weniger Menschen in Ihre Kirche, Pfarrer R.?
„Nein.“
Haben diese Vorfälle denn Ihren Glauben beeinflusst?
„Es gab Momente, in denen ich mich distanzieren wollte von dieser Institution. Momente, in denen ich mich fragte: Zu dieser Kirche gehörst du? Aber dann fiel mir ein, wie viel Kraft ich immer wieder aus meinem Glauben, aus der Gemeinsamkeit geschöpft habe.“
Hat der Skandal direkte Auswirkungen auf Ihre tägliche Arbeit?
„Ich werde jedenfalls nie wieder auf einer Jugendkirchenfahrt alleine in einen Schlafsaal gehen, um Gute Nacht zu sagen.“
R. wiegt seine Worte sorgsam hin und her, seine Hände zittern jetzt leicht. Er will nichts Falsches sagen, aber er will auch nicht leugnen, dass ihm der Canisius-Skandal das Leben schwer macht. Und er will seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. Er sagt: Das sei ihm zu persönlich. Er meint: Das ist ihm zu heikel. Er will nicht als Nestbeschmutzer dastehen, so wie Pater Mertes. Dabei habe der einen Orden verdient für seinen Mut. Mertes sei ein Held, sagt R.
Nestbeschmutzer wurde er genannt, Kirchenzerstörer, Verräter: Pater Klaus Mertes. Der Rektor des Canisius-Kollegs wiederum nennt diejenigen Helden, die gesprochen haben. Die Opfer. Was, fragt er, habe er auch tun sollen? Sich hinstellen und sagen: Da kann ich doch nichts dafür? Die Wut und der Zorn der Betroffenen brauchen einen Adressaten. Mertes hat sich zur Verfügung gestellt. „Alles andere“, sagt er, „wäre eine Fortsetzung des Missbrauchs gewesen.“
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