"Ich war innerlich leer, fühlte mich nicht mehr in der Lage, den inneren Kontakt zu anderen Menschen herzustellen", so schildern Menschen den Zustand, den Experten als "Burn-Out"-Syndrom bezeichnen. Dieses Ausbrennen kann sich in depressiven Stimmungen, chronischer Müdigkeit oder dem Gefühl von Einsamkeit äussern. Oft geht die Erschöpfung mit körperlichen Beschwerden einher wie Schlafstörungen und anderen Symptomen.
Ein Grund dafür liegt in den seit Jahren steigenden Arbeitsbelastungen für evangelische und katholische Pfarrer. "Die gesamte Pastorenschaft ist von dem Burn-Out-Syndrom bedroht", sagt Prof. Josef Kirsch, Pastor in Volksdorf - und auch Supervisor, psycholgische Berater für die Kirchenmänner. "Die Hirten drohen, zu ermüden, auszubrennen."

Die Ursachen dafür sind hohe Arbeitszeiten, die vielen unterschiedlichen Belastungen und vor allem die geringe Resonanz auf ihre Arbeit. Um dem vorzubeugen, können auch Jugendkirchler einen Beitrag leisten. Ein freundlicher Umgang mit dem christlichen Jugendbeauftragten, -seelsorger oder Pfarrer wirkt sich positiv auf die ganze Atmosphäre innerhalb einer Jugendkirche oder bei christlicher Jugendarbeit aus.
Pater Johannes betreute zunächst Drogenabhängige in Stuttgart, bevor er nach Chemnitz kam. Im Chemnitzer Stadtteil Sonnenberg wohnen 25 000 Menschen, davon rund 3 500 Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren. Sonnenberg ist kein ausgesprochenes Armeleuteviertel, doch das will in Chemnitz nichts besagen.
Als Pater Johannes die Gemeinde übernahm, lag sie im Sterben. Mit seiner ganzen Kraft hat er versucht, das aufzuhalten. Er hat als katholischer Priester in Chemnitz die Jugendarbeit in einer heruntergekommenen Gegend aufgebaut, er hat gegen Feindseligkeit gekämpft, mit der Stadt um Geld gestritten, sich die Schicksale von

Jugendlichen aus der "Platte" angehört. Bei seiner Arbeit ist der Pater weitgehend auf Spenden angewiesen. Von einem beim Jugendamt beantragten Zuschuss in Höhe von 26 921 Mark hatte er nur 315 Mark bewilligt bekommen Er hat solche Almosen dankend abgelehnt. Auch bei der Suche nach grösseren Räumen fühlte er sich alleingelassen. Kein Urlaub all die Jahre, rund um die Uhr musste er "den Starken spielen, keine Schwächen zeigen, die eigene Sensibilität verleugnen", sagt er. Bis es nicht mehr ging. "Wenn die erste Begeisterung für den Beruf weg ist und der jugendliche Schwung nachlässt, droht Burn-out", weiss Otto Lempp aus seiner mittlerweile über dreijährigen Beratungspraxis.
"Ich war nicht mehr in der Lage, den inneren Kontakt zu anderen Menschen herzustellen," berichtet der Pater. Das ist das Schlimmste, was einem Seelsorger passieren kann. Depressive Stimmungen, das Gefühl von Einsamkeit, körperliche Beschwerden kamen

hinzu. "Das sind typische Zeichen, wenn jemand ausgebrannt ist", sagt Wunibald Müller, Theologe und Psychotherapeut, "ein Burn-out-Syndrom kennt man ja schon lange von Lehrern oder Managern." Aber von Geistlichen?
Pfarrer seien von dem Phänomen zwar immer noch weniger belastet als andere helfende Berufe wie Lehrer oder Krankenpfleger, doch sei Burn-out für die Pfarrer der evangelischen Kirche längst kein Fremdwort mehr, sondern werde "als eine reale Gefährdung betrachtet". Das geht aus einer Studie des Göppinger Klinikseelsorgers Andreas von Heyl hervor. "Eigentlich ist jeder Seelsorger ein Einzelkämpfer." Und das ist er, ohne dabei greifbare Erfolgserlebnisse zu haben. "Ein Bäcker oder Tischler hält das, was er geschaffen hat, sofort in der Hand", sagt Pastor Kirsch. Bei Geistlichen sei das anders.

Hinzu käme der grosse Frust, wenn die Vorbereitungen für die Messe getan sind und auf den Kirchenbänken nur wenige Gemeindemitglieder sitzen. "Das ist dann schmerzhaft", sagt Kirsch. Der Kirchenseelsorger Andreas von Heyl sieht eine 'Besserung der Zustände' in einer Nueorientierung der Kirche: "Die Kirche selbst muss sich massiv reformieren", sagt er.
Was einst in den evangelischen Kirchen in Deutschland heftig bekämpft wurde, ist nun zentraler Bestandteil eines hoffnungsvollen Zukunftsprogrammes: Gemeinden sollen sich nicht nur als Anlaufstelle für ein Dorf oder einen Stadtteil verstehen und dort möglichst alle Menschen ansprechen. Künftig soll es auch möglich sein, dass Gemeinden ein spezielles inhaltliches Profil entwickeln, um bestimmte Zielgruppen – junge Menschen in Jugendkirchen zum Beispiel – zu erreichen. Solche Profilgemeinden sind mehr als eine gute Idee.
Dass auf einem Zukunftskongress in Wittenberg Anfang des Jahres darüber diskutiert wurde, wenn auch kontrovers, bedeutet einen radikalen Kurswechsel in den evangelischen Kirchen! Aber die Tatsache, dass dieser Vorschlag Teil eines Reformprogrammes wurde, zeigt einen Gezeitenwechsel in der Kirche an. Es lässt hoffen, dass eine Kirche, die immer weniger Geld und bezahlte Mitarbeiter hat, sich wieder auf das Wesentliche konzentriert: Zielgruppen in den Blick zu nehmen und von Jesus zu reden. Denn genau das ist der Auftrag der Kirche und vielleicht können diese Profilgemeinden, wozu die Jugendkirchen zweifelsohne gezählt werden, dazu beitragen,

Burn-Out-Symptome bei Seelsorgern einzudämmen, aufgrund einer besseren 'Annehmbarkeit' innerhalb ihrer Gemeinden und vor allem bei der Jugend.
Wenn Pater Johannes mit 65 Jahren darüber spricht, wie es ihm an Leib und Seele ergangen ist, findet er starke Worte. "Sie kennen doch den biblischen Begriff der Besessenheit? So war es bei mir. Ich war besessen von dem Gedanken, nur noch andere Menschen zufrieden zu stellen."
Hätte es bereits 'Jugendkirche' gegeben, wäre die Jugendarbeit von Pater Johannes vielleicht anders verlaufen, wäre es vielleicht nicht soweit gekommen. Zwar ist es schwierig die Rahmenbedingungen zu ändern, dafür kann jeder erste Hilfe leisten. Als Sanitäter eignen sich diejenigen, welche dem Jugendseelsorger am nächsten stehen: die Jugendlichen. Als bewährtes Mittelchen eignen sich beispielsweise nette Worte, die seine Arbeit schätzen. "Das war heute aber eine spannende Sache", ist Balsam für die Seele und bringt etwas der ursprünglichen Motivation zurück. Folgt mehr davon, wirkt sich das positiv auf die ganze Atmosphäre aus. Es gibt Kraft, die Herausforderungen zu meistern, weil die Jugendlichen den Rücken stärken, auch mit Taten.

Tatsache ist, dass bisher bei Seelsorgern und christlichen Jugendbeauftragten, die sich in Jugendkirchen engagieren, noch keine Fälle des Burn-Out-Syndroms aufgetreten sind. Vielleicht ist die Zeit einfach zu kurz, um das repräsentativ beurteilen zu können - vielleicht sind die Seelsorger, die eingesetzt werden noch jung und unverbraucht - vielleicht liegt es aber einfach an den grossen Erfolgen, die Jugendkirche als solches bisher verzeichnen kann und vielleicht ist es einfach der Umgang innerhalb der Jugendkirche, der auf gegenseitigem Respekt und Akzeptanz beruht.