Die reine Faktenlage dokumentiert ein Debakel: Eine Bischöfin, die nach der Scheidung von ihrem Mann nie gänzlich unumstritten war und deren "Afghanistan-Predigt" eine schwierige Friedensdiskussion ausgelöst hat, tritt → nach nur vier Monaten vom Spitzenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland zurück. Dass es kein Debakel wurde, verdankt die Kirche aber genau dieser Bischöfin. Mit dem schnellen, frei gewählten Rücktritt hat Margot Käßmann am Ende jene volle Verantwortung gezeigt, die sie auf ihrer Alkoholfahrt sträflich vermissen ließ.
Der Katzenjammer nach dem Käßmann-Rücktritt war gross. Als Verlust wurde ihr Abgang von den meisten Seiten gewertet. Bundeskanzlerin Angela Merkel nahm Käßmanns Entscheidung "mit Respekt und Bedauern" auf: "Ich habe die Zusammenarbeit mit Bischöfin Käßmann sehr geschätzt," erklärte Regierungssprecher Ulrich Wilhelm im Namen der CDU-Politikerin. Auch der hessische Kirchenpräsident Volker Jung bedauerte den Rücktritt. "Sie ist ein sympathisches Gesicht für unsere Kirche. Die Fahrt unter Alkohol kann man allerdings in dieser Form nicht entschuldigen".
Der einflussreiche Wittenberger Theologe Friedrich Schorlemmer bedauerte ausdrücklich die Entscheidung der Bischöfin: "Für sie persönlich ist der Schritt richtig. Für uns alle, für den Protestantismus ist die Entscheidung schlecht. Sie ist ein sehr herber Verlust für die Christen in Deutschland. "Diejenigen, die jetzt so tun, als könne ihnen gar nichts passieren, gefallen sich in einer moralischen Pose der Überlegenheit gegenüber denen, die sich falsch verhalten. Ich wäre da sehr vorsichtig."
Zu dem Rücktritt erklärt Ilse Junkermann, Landesbischöfin der Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM): "Ich habe hohen Respekt vor der Entscheidung. Ich hoffe, Margot Käßmann hat seit Samstag genügend Freiraum gewinnen können und musste diese schwere Entscheidung nicht allein und nicht allein unter dem Druck der Öffentlichkeit fällen. Ich bedaure ihre Entscheidung in höchstem Maße."
Bayerns evangelischer Landesbischof Johannes Friedrich: "Ihr Rücktritt ist ein schwerer Verlust für den deutschen Protestantismus. Es ist keine Bagatelle, mit 1,54 Promille Blutalkohol Auto zu fahren." Aber Frau Käßmann habe ihren Fehler sofort eingestanden. "Gerade mit dieser Haltung, sich ohne Umschweife offen zu ihrem Scheitern zu bekennen, ist sie vielen Menschen seit Jahren eine glaubwürdige Zeugin für ein Leben aus der Vergebung des Glaubens."
Der evangelische Landesbischof in Baden, Ulrich Fischer, fand die Entscheidung Käßmanns "extrem bedauerlich und betrüblich", und der Vorsitzende der Katholischen Deutschen Bischofskonferenz, der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, sagte bei einer kurzfristig in Freiburg einberufenen Pressekonferenz: "Ich kenne Frau Käßmann seit langem als einen Menschen, der bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, respektiere gerade deshalb ihre Entscheidung und kann diesen Schritt verstehen. Er wünsche sich von ihrem Nachfolger eine starke Ökumene.
"Die Gradlinigkeit und Klarheit in ihren theologischen, soziopolitischen und gesellschaftlichen Positionen werden Evangelischen Kirche in Deutschland fehlen", hiess es in einer gemeinsamen Erklärung der EK-Synodenpräsidentin, Katrin Göring-Eckhardt sowie des stellvertretenden EKD-Vorstandes Nikolaus Schneider, Präses der Evangelischen Kirchen m Rheinland, der die Position der scheidenden Vorsitzenden bis zu einer Neuwahl inne haben wird, die voraussichtlich bei der nächsten Synodentagung vom 5- bis 10. November in Hannover erfolgt.
Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) werde sich nach den Worten des kommissarischen Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider auch nach ihrem Rücktritt politisch Stellung beziehen. Auch ihm seien Fragen der sozialen Gerechtigkeit immer sehr wichtig gewesen, erklärte Schneider: "Das Eintreten für diejenigen, die ihre Stimme nicht erheben können, wird auch für mich verbindlich bleiben."
Schneider betonte, der Rücktritt der Bischöfin von ihren kirchlichen Ämtern sei kein Rückschritt für die Kirche. Doch viele hätten gehofft, dass Käßmann als EKD-Ratsvorsitzende weitermache. Der Kirche will sie jedoch ihre Energie weiterhin zur Verfügung stellen: "Ich bleibe Pastorin der hannoverschen Landeskirche."
Die Erklärung von Dr. Margot Käßmann im Wortlaut →
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