Der katholischen Kirche in Deutschland fehlen zunehmend die jungen Christen und auch sonst sieht es eher 'mau' aus: 2008 sind 4388 Menschen in die katholische Kirche eingetreten, 121155 sind ausgetreten; und gerade junge Leute lassen sich kaum noch für die Bibel oder den katholischen Glauben erwärmen. Wohin laufen aber eigentlich jene jungen sinnsuchenden Christen in Deutschland, die nichts mehr von den mit ihren unverständlichen und vor allem nicht auf Transparenz sowie Verständlichkeit ausgerichteten Verbalkaskaden behafteten Kirchenbürokraten wissen wollen? Wohin gehen sie, wenn sie mit den Verwaltern des Glaubens nichts anzufangen wissen und ihren spirituellen Fragen mit Bibelsprüchen begegnet wird? Wohin gehen sie, wenn sie die oftmals sinnentleerten Rituale mit ihrer Lebenswelt nicht in Einklang bringen können? Sie besuchen zunehmend Jugendkirchen, wie auch das stetig voranschreitende JuKi-Projekt im badischen Durmersheim beweist.
Dass neue religiöse Szenen und innovative Gemeinden wachsen, ist für Waldemar Vogelsang, Soziologe an der Universität Trier, nicht verwunderlich: "Wenn sich die Einstellungen von Jugendlichen zur Institution Kirche geändert hat, heisst das keinesfalls, dass Religion für junge Leute in Deutschland keine Rolle mehr spielt." Das konnte auch der Initiator des Jugendkirchen Projektes, Dieter Janikovits, immer wieder feststellen, seit er mit seinen Jugendgottesdiensten (JuGodis) in der Herz-Jesu-Kirche in Durmersheim/Würmersheim auf eine Jugendkirche (JuKi) hinzuarbeiten begann und freudig feststellte, dass zu seinen 'Feel The Spirit'-Gottesdiensten regelmäßig immerhin zwischen 120 und 150 Jugendliche die Kirchenbänke füllten.
Angefangen hatte alles bereits 1995 mit der Band 'Neue Wege' um den kongenialen Musiker, Texter und Komponisten Janikovits, der mit religiösen Themen Musicals aufzuführen begann: "Als wir mit den Musicals begannen, hatten wir die Vorstellung, mal was anderes als 'nur' Gottesdienste zu veranstalten. Wir wollten neuen Schwung ins Gemeindeleben bringen", und daneben jungen Erwachsenen ein alternatives christliches Programm anbieten, mit ihnen über spezielle Anliegen ihrer Lebensphasen sprechen und zeigen, "was Kirche sonst noch kann". Daraus entwickelte sich aufgrund des durchschlagenden Erfolges die Projektidee einer JuKi, deren Realisierung allerdings eklatante Schwierigkeiten entgegentraten (wir berichteten).
Um so erfreulicher ist es, dass das Durchhaltevermögen des JuKi-Teams und all seiner Helfer dazu führte, dass das Jugendkirche-Projekt, das die Auflage des damaligen Pfarrers hatte, sich nicht einmal Jugendkirche nennen zu dürfen, jetzt als Jugendkirche VIA offiziell formieren kann. Damit wurde eine große Hürde genommen und Anfang des Jahres hatte die Junge Katholische Gemeinschaft (JKG) Durmersheim mit der Initiative 'Feel The Spirit' eine gültige Plattform für Jugendliche in der katholischen Kirche in Würmersheim geschaffen.
"Wir wollen überzeugen, nicht überreden." "Es geht um Sinnstiftung und Orientierung." Das sind die Aussagen, die man von den JuKi-Teamern immer wieder hört, und: "Wir sind der Überzeugung, dass die Kirche für junge Leute etwas zu bieten hat." Dabei wird nicht aus den Augen gelassen, dass die Bevölkerungsgruppe der Jugendlichen eine "Problemzone" für die Kirche darstellt. Es sei eben schwer, jemanden kennenzulernen, mit dem man am Sonntag in die Heilige Messe gehen könne, so eine 16-jährige.
Junge Erwachsene seien wahrlich nicht einfach zu erreichen, ist die einhellige Meinung, und "da müssen wir uns sehr anstrengen", denn die katholische "Kirche ist immer auch eine missionierende Kirche". Dass die JuKi um neue Mitglieder wirbt, findet z.B. Werbeexperte Reinhard Stiehl durchaus legitim. Soziologe Vogelsang: "Dabei werden die Deutungsmuster der Kirchen den selbstbestimmten Interpretationen der Gläubigen oft untergeordnet." Für katholische Jugendliche sei es kein Widerspruch, den Papst als eine authentische moralische Instanz zu akzeptieren, ohne z.B. gleichzeitig seine strenge Sexualmoral rigide umzusetzen. Stiehl ist selbst erst vor kurzer Zeit in den "Schoß der Kirche" zurückgekehrt und verweist auf das Beispiel USA: "Dort müssen die Kirchen werben, weil es da keine Kirchensteuer gibt." Hierzulande wurde es in den christlichen Kirchen und ihren Gemeindevertretern als nicht besonders erachtet, sich um die Klientel der Gläubigen im Alter von 16 ("Zu aufmüpfig") bis 30 ("Zu aufgeklärt") zu bemühen. Erst die wegbrechenden Steuereinnahmen aus dem Füllhorn der Steuerzahler bringt ein Umdenken mit sich und die Frage, "Wer sind denn die Jugendlichen und jungen Erwachsenen eigentlich, was treibt sie um?" Flugs wurden und werden zahlreiche Studien erstellt, die aber letztendlich nur eines besagen: Die großen christlichen Kirchen "agieren am Markt vorbei". Also müsste in missionarische Arbeit hierzulande investiert werden - gerade in kirchlicher Jugendarbeit - doch von was?
Zumindest die Badener brauchen sich gegenwärtig darum noch nicht sorgen. Der dramatische Rückgang der Steuereinnahmen ist nach Ansicht der Kirchensteuervertretung (KVS) der Erzdiözese Freiburg "kein Grund in Panik zu verfallen". Die Finanzlage könne durch einen Griff in die gut gefüllte Rücklage geschlossen und damit die Finanzierung aller kirchlicher Leistungen und Ausgaben gewährleistet werden", betont Annette Bernards, Präsidentin der KVS in Karlsruhe und Professorin an der Hochschule für öffentliche Verwaltung in Kehl. Generalvikar Fridolin Keck versprach deshalb, die katholische Kirche in Baden werde die Zuweisungen konstant halten und auch die pastoralen Einheiten wie gewohnt unterstützen. Auch setze die Kirche ihr Engagement in der kirchlichen Jugendarbeit fort. Das wurde in Durmersheim für die Weiterentwicklung der JuKi VIA positiv gewertet. Auch dass die Dekanatskonferenz unter der Leitung von Dekan Siegel nicht gewohnt in Kuppenheim, sondern in der JuKi VIA stattfand, dürfte in Durmersheim und dem gesamten Dekanat die Position der Jugendkirche gestärkt haben, zumal die Erfahrungen und Erlebnisse "auf dem Weg zur Jugendkirche" zur Sprache kamen und ausführlich diskutiert wurden. Auch sonst zeigt sich bereits Anfang des Jahres, dass Durmersheim ohne JuKi um eine Bereicherung ärmer wäre. Nicht nur die regelmäßig stattfindenden JuGodis unter der Federführung des derzeit 10-köpfigen JuGodi-Teams "straight@heaven", die Band "Neue Wege", des "Go(o)d News" Chores und der neuformierten JuKi-Band "Sanity" tragen dazu bei, Modernität in die Kirche zu bringen. Auch das gerade aufgeführte Musical "Jakob und Esau" schafft es, die Jugend für die Bibel zu begeistern.
JAKOB UND ESAU
"Das sechste Musical, das wir auf die Bühne bringen", erinnert sich Dieter Janikovits, Komponist Autor und Gesamtleiter des Musicals. Es begann Mitte der Neunziger mit 'Tabaluga', gefolgt von 'Treffpunkt Stall', 'König David', 'Der kleine Tag', 2006 'Abraham - Vater im Glauben' und am 23. Januar 2010 Premiere für 'Jakob und Esau'. "Mit dem komponieren der Musiktitel ist etwa vor zwei Jahren begonnen worden", so Janikovits. "Auf das Stück kamen wir durch Zufall", erzählt Regisseurin Elke Foß. "Ein Junge namens David machte bei 'König David' mit und jetzt gaben wir seinem Bruder Jakob auch eine Chance", und Janikovits ergänzt: "Esau und Jakob sind in der Grundschule ein wichtiges Thema im Religionsunterricht." Die Geschichte ist nachzulesen im Buch Genesis, 25, 19 ff.
Den Gedanken zu diesem Musical hatte er nach eigenem Bekunden bereits vor sechs Jahren im Kopf, als "König David" noch gespielt wurde, und nicht nur er ist davon überzeugt, dass sich das auch hier wiederholen wird - immerhin wurde 'David' 32-mal "bundesweit vom Bodensee bis Hamburg" aufgeführt. Das gleiche Schicksal soll nun 'Jakob und Esau' ereilen, das voraussichtlich bis 2013 gespielt werden soll.
Etwa 60 bis 70 Mitwirkende sind auf und hinter der Bühne zugange - darunter elf TänzerInnen (Choreographie Simone Feil), ein 15-köpfiger Chor, sieben Instrumentalisten (Leitung Dieter Janikovits) - freiwillige Mitarbeit allenthalben. Auch bei der Technik, dem Bühnenaufbau und den Kostümen konnte man sich auf zahlreiche helfende Hände verlassen. "Es ist überhaupt nicht schwer gefallen, genügend Personal zu finden, um das neuerliche Großprojekt der JKG in die Tat umzusetzen", so Janikovits.
Die Realisierung konnte jedoch erst dann effizient erfolgen, nachdem eine eindeutige Arbeitsverteilung erfolgt war: "Es gibt verschiedene Bereichsleiter, beispielsweise für die Regie, Chorleitung, Choreographie, die Kostüme, Technik (Licht und Ton), Arrangement, Bühnenkonzeption, aber auch für die Finanzen und das Merchandising."  10'000 € genehmigte der Pfarrgemeinderat und die Erlöse sollen dem 'Projekt Jugendkirche VIA - Feel the spirit' zugute kommen, das vom 18. bis zum 25. Juli in der Würmersheimer Herz-Jesu-Kirche sich der Gemeinde präsentieren wird. Bisher sind u.a. JuGodis, Kirchenkabarett, Konzerte, Gesprächsabende und Workshops. "Das genaue Programm wird aber erst im März vorliegen", wie Janikovits mitteilte.
Übrigens ist eine CD des Musicals weitgehend fertiggestellt - sie soll noch diesen Monat offiziell präsentiert werden.
|