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Freitag, 3. September 2010
Jugendkirche gegen Ausgrenzung: Setzt ein Zeichen PDF Drucken
Geschrieben von pierre roh   
Samstag, 5. September 2009
Jugendkirche gegen Ausgrenzung
Musik und Videos sind das Propaganda-Instrument Nummer eins. Vor allem autonome Nationalisten präsentierten sich auf ihren Websites jugendgerecht in bunten Farben, mit moderner Symbolik und griffigen Slogans. Dabei ist die rechtsextreme Haltung nicht in vielen Fällen auf den ersten Blick zu erkennen. Zusammen mit mehreren Initiativen gegen Rechtsextremismus hat die Internetplattform YouTube nun einen Video-Schülerwettbewerb gestartet. Anliegen sei es, die Dominanz von Neonazis und rechtsradikal Denkenden im Netz zurückzudrängen, sagte die Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung, Anetta Kahane, am Mittwoch in Berlin. Die Stiftung hat den Wettbewerb wie auch die Kampagne "Laut gegen Nazis" mit initiiert.

"Von Anfang an waren Nazis viel offensiver im Netz unterwegs als ihre Gegner, die Demokraten", sagte Kahane. Ihren Angaben zufolge gibt es im Internet rund 1.800 deutschsprachige Seiten mit rechtsextremem Inhalt sowie 50 Neonazi-Communities, 16 Radiosender von Neonazis und einen eigenen Videokanal.


Diese Zahlen mögen angesichts der Informationsfülle des World Wide Web klein erscheinen, aber: "Rechtsextreme betreiben ihre Propaganda bewusst an Orten, an denen sich viele Jugendliche aufhalten: In Chats, Communities und Diskussionsforen oder Videoplattformen. Mit einem Video, das bei Youtube oder einem anderen Portal eingestellt ist, erreicht man viel mehr Nutzer als über die eigene Internetseite", erklärt der Leiter des Arbeitsbereiches Rechtsextremismus von jugendschutz.net, Stefan Glaser, in einem Interview in dem Buch "Generation Online", und "in Schulprojekten haben wir die Wirkung getestet und festgestellt, dass die Musik und die Videos, aber auch die Angebote und das gesamte Auftreten der Rechtsextremen den jugendlichen Geschmack trifft."

Für Jugendliche ist die Vorgehensweise nicht auf den ersten Blick durchschaubar. Während bei Youtube ein Musikvideo mit einem kritischen Text einer unbekannten Gruppe abläuft, wird mehrfach die Aufforderung zum Mitmachen eingeblendet: "Mach mit. Unterstütze die autonomen Strukturen", danach folgt eine Internetadresse. Diese ist zwar nicht mehr gültig, über den Link zu dem Verantwortlichen, der das Video online gestellt hat, landet der User jedoch auf den Seiten einer autonomen Bewegung. Nach dem Motto "Wir reden nicht nur, wir tun auch etwas" wird dort zur Teilnahme an Kundgebungen und Events an konkreten Terminen aufgerufen.

Unter dem Deckmantel eines Jugendevents werden Jugendliche dann in Bussen zu Demonstrationen und Kundgebungen nach Hamburg oder Leipzig gebracht. "Sind die Jugendlichen erst einmal dafür gewonnen, dass sie an Ausflügen oder Aktionen teilnehmen, folgt die ideologische Beeinflussung nach und nach. Dann stellt sich beispielsweise heraus, dass soziale Gerechtigkeit nur für 'deutschstämmige Bürger' gefordert wird", so Glaser. Das Team von Jugendschutz.net beobachtet seit 2000 den Rechtsextremismus im Internet und geht gegen unzulässige Angebote vor. Durch Kontaktaufnahme zu in- und ausländischen Providern konnte die Organisation nach eigenen Angaben in 80 von 100 Fällen die Entfernung jugendgefährdender Angebote bewirken.

Dem Rastatter Diplompsychologen Wolfgang Langer macht dabei Sorgen, "dass das für Jugendliche und Heranwachsende inzwischen unverzichtbare Medium Internet deren Wertvorstellungen und Verhaltensweisen erheblich beeinflussen kann". Verbote können dabei nichts ausrichten, ist sich Langer mit anderen Fachleuten aus der Jugendarbeit einig. "In der Prävention liegt die Chance, diese Dinge ohne erhobenen Zeigefinger anzusprechen und Denkprozesse in Gang zu setzen." Den Austausch über das Internet werde man nicht verhindern können.  Allerdings müsse das Umfeld aufmerksam hinsehen, wo es eklatante Tabubrüche gibt. "Im Notfall muss der Gesetzgeber eingreifen."

Ähnlich sieht das auch Wolfgang Schmalbach, Leiter der Kriminalpolizeilichen Beratungsstelle bei der Polizeidirektion Baden-Baden: "Wir sehen Eltern, Lehrer und Erziehungsverantwortliche in der Pflicht, sich mit der Problematik auseinanderzusetzen und die Heranwachsenden zu einer sachgerechten Mediennutzung zu befähigen."

Dazu ist allerdings ein jüngst ergangenes Gerichtsurteile des Bundesgerichtshofs (BGH), das Naziparolen künftig als nicht strafbar erachtet, wenn sie in eine Fremdsprache übersetzt wurden, nicht als hilfreich anzusehen - gerade im Internet, in dem vorrangig mit der englische Sprache kommuniziert wird. Naziparolen haben laut BGH nicht nur durch ihren Sinngehalt, sondern auch durch die deutsche Sprache ihre charakteristische Prägung erfahren; deshalb stelle eine Übersetzung in eine andere Sprache eine "grundlegende Verfremdung" dar, die nicht von der Strafvorschrift erfasst werde (AZ.: 3 StR 228/09).

Dieses Urteil öffnet Hetzparolen rechtsgerichteter Verbindungen und Organisationen Tür und Tor. "Die wetzen schon die Messer", weiss ein Insider blumig zu berichten - und diese werden nicht nur im Internet immer umtriebiger sondern auch auf den Schulhöfen der BRD. SchülerInnen sollen deshalb besser als bisher auf die Gefahren des Rechtsextremismus vorbereitet werden.

Mit Beginn des neuen Schuljahres schickt die Landeszentrale für politische Bildung in Zusammenarbeit mit dem Verfassungsschutz Baden-Würrtemberg sogenannte Präventionsteams in die Schulen, wie die Verfassungsschutzpräsidentin Beate Bube in Stuttgart mitteilte. Sie sollen in den Schulen, die das wünschen, jeweils für eine Klasse ein ganztägiges Seminar mit altersgerechten Plan- und Rollenspielen anbieten.

"Jugendliche sollen spielerisch lernen, mit entsprechenden Konfliktsituationen umzugehen", so die Projektleiterin Tina Schmidt-Böhringer von der BW-Landeszentrale für politische Bildung. "Dabei geht es unter anderem um die Auflösung von Mechanismen, die von Feindbildern bestimmt sind." Da ähnliche Präventionsteams auch in anderen Bundesländern unterwegs sein werden, bietet sich für die Jugendkirchen die Möglichkeit in Erwägung zu ziehen, eines für einen ganztägigen "Power-Workshop" in eine JuKi zu bitten, um die christliche Jugend zu sensibilisieren.

Man könnte die Bemühungen von YouTube zu diesem Zeitpunkt fast schon als ergänzende Massnahme ansehen. Stefan Tweraser, der YouTube-Direktor für Deutschland, erläutert, dass es das Ziel des Wettbewerbs sei, ein "lautes Zeichen gegen Intoleranz und Ausgrenzung zu setzen". Mit dem Wettbewerb solle "YouTube" für Nazis unattraktiv gemacht werden.


Unter dem Titel "361 Grad Toleranz" sind Jugendliche ab 13 Jahren aufgerufen, allein oder in Gruppen Videos zu produzieren und bis zum 18. Oktober auf www.361grad.de hochzuladen. Eingereicht werden könnten Filme in den Kategorien "Musikfilm", "Reportage" oder "Kurzfilm", hiess es. Gefragt seien Kreativität und Originalität bei der Auseinandersetzung mit dem Thema.

Alles Voraussetzungen, die in den zahlreichen JuKis des Landes in vielfältiger Weise vorhanden sind - und was sind die JuKi-Gänger in der Regel? Klar doch: SchülerInnen! Ergo steht wohl nichts im Wege, wenn sich Jugendliche der Jugendkirchen gruppieren und rege an dieser Möglichkeit, sich gegen Ausgrenzung und Diskriminierung zu stellen, beteiligen würden. Denn hier geht es doch gerade um die Vermittlung christlicher Werte wie Toleranz und Brüder(Schwester-)lichkeit. Und bei Ungerechtigkeiten sollte jeder Christ sowieso beherzt ausrufen: "Setzt Zeichen!"

Hauptpreise sind den Angaben zufolge ein Live-Konzert der Band "Silbermond" auf dem Schulgelände sowie eine Reise nach Berlin mit Empfang bei Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) als Schirmherrin der Aktion. Wäre ja wohl der Hammer, wenn Silbermond in einer JuKi auftreten würde oder die "mächtigste Frau der Welt", wie eine kürzlich veröffentlichte Umfrage ergab, eine JuKi im Kanzleramt zu Gast hätte!

In einer Videobotschaft auf "YouTube" forderte sie die Jugend zur Beteiligung auf. "Toleranz heisst, offen für Andere zu sein. Sich in die Lage Anderer hineinzudenken." Weitere prominente Paten des Wettbewerbs sind unter anderen die Schauspieler Matthias Schweighöfer und Daniel Brühl, der ehemalige Tagesthemen-Moderator Ulrich Wickert sowie die Band "Silbermond".

 
siehe auch:
 
Broschüre herunterladen: Klickt's? Geh Nazis nicht ins Netz! (PDF)
 
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