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Dass gerade in der Jugend- und Bildungsarbeit viele nicht verbeamtete und Nicht-Theologen angestellt sind, wird leicht übergangen. Dass sich diese für die Jugendkirchen (JuKi) selbstverständliche Tendenz aufgrund des wachsenden Priestermangels verstärken wird, bleibt unausweichlich. Viele Jugendkirchen sind deshalb heute schon sogeannte "Start-ups", von ehrenamtlichen Jugendlichen am Leben erhalten. Lose Zusammenschlüsse ähnlich gesinnter Jugendlicher könnten dann im Idealfall zu einer Jugend-Kirchen-Bewegung (JuKiBe) führen, ermöglichen Synergien und den Austausch von Materialien und Erfahrungen. Der Erfolg, d.h. das schnelle Wachstum, ist die Legitimation - sollte man meinen!
Kirchen schätzen die Psychologie der Jugend häufig falsch ein. Sie befragen vorab eine bereits bestehende Jugendkirche (JuKi), Gemeindemitglieder und potenzielle Kirchgänger (Konfirmanden, Schüler, etc.), ob ihre Idee für eine Jugendkirche gut aufgenommen werden würde, meist mit positivem Ergebnis. Wenn die Jugendlichen jedoch tatsächlich dafür in irgendeiner Art und Weise aufkommen soll, sei es durch ihre aktive Mitarbeit oder ihr regelmässiges 'Mitdabeisein' (JuGodis, Events, u.a.) bewerten sie es plötzlich anders.
Die bereits bestehenden Jugendkirche-Projekte haben dessen ungeachtet im Allgemeinen einen regen Zulauf und sind bei den Jugendlichen etabliert. Vielerorts laufen sie mit gutem Erfolg und zahlreiche weitere Projekte sind in Vorbereitung. Diese sind nicht dafür angelegt, wie vielfach fälschlicherweise behauptet, sich eigene Glaubensgrundsätze mit eigenen Realitäten zu schaffen. Jugendkirchen signalisieren nicht nur, dass eine grössere Spezifikation der Kirchen erfolgen wird, sondern auch das Bestreben, sich innerhalb der Gemeinden zu bewähren.
Dennoch sind die christlichen Kirchen schon lange nicht mehr so radikal interpretiert und gleichzeitig erneuert worden. Gerade der Kreislauf von Glaube, Handeln und Lernen bewirkt sukzessive nachhaltige, effektive und spirituelle Veränderungen, in deren Verlauf derzeit die Jugend auf Kompatibilität zur Kirche "abgeklopft" wird, ihr Bedürfnis in Bezug auf Religion geklärt werden soll (Sinus-Studie, etc.).
Die kirchlichen Strukturen werden in diesem Kontext beleuchtet und es wird überprüft, ob sie den Bedürfnissen der heutigen Jugend entsprechen. Es gilt u.a. zu ergründen, ob die Integration von Jugendkultur in die Angebote auf allen Ebenen (spirituell, pädagogisch und strukturell), das derzeitige Erfolgsrezept von Jugendkirche darstellt.
Jedoch ist das Erreichte ständig zu erneuern: "Kirche mitten in der Jugendgemeinschaft - mitten im Leben" bedeutet ein ständiges Überprüfen der eigenen Trendmarken, denn der Kampf um die Verständigung mit der Jugend will jeden Tag aufs Neue ausgetragen sein. Regelmässige Pflege und ein angemessenes Budget sind dabei unerlässlich.
Allerdings müssten Zeiten der Entfremdung über weite Strecken hinweg Phasen der Inkubation beinhalten. Jedoch haben die etablierten christlichen Kirchen nach wie vor grosse Kommunikationsprobleme, die zu klären sie sich seit gar nicht so langer Zeit auf breiter Ebene bemühen. Erst langsam sickert die Erkenntnis durch, dass sie ihre Zielgruppe in die Entwicklungsprozesse einbinden sollten - Jugendliche haben über ihre eigenen Netzwerke grossen Einfluss und können über Erfolg und Misserfolg einer Jugendkirche entscheiden, ohne diese jemals betreten zu haben. Jugendkirche funktioniert aus einer ganzen Reihe von Gründen, die sich überschneiden und ineinander greifen. Einer der stärksten Fäden in diesem feinen spirituellen Gewebe ist das Handeln. Es ist jedoch darauf zu achten, dass sich die Komplexität des spirituellen Erkenntnisstroms nicht so weit hochschaukelt, dass er aufgrund des begrenzten jugendlichen Erkenntnisvermögens nicht mehr zu beherrschen ist, ergo niedrigschwellig. Die veränderten Lebensbedingungen der heutigen Jugendlichen und wieweit der Begriff Jugendlicher eigentlich gefasst werden muss, ist in diesem Zusammenhang nicht unerheblich.
Der Grundsatz der Jugendkirchen bleibt, sich der Herausforderung zu stellen, einen Platz innerhalb der Volkskirche als gleichwertig einzunehmen. Das bedeutet zum einen, dass sie das Wohlwollen der Gemeinde benötigt, die das Vermögen voraussetzt, Auseinandersetzung und Kommunikation mit unterschiedlichsten Meinungen, Formen und Kulturen zu bewältigen: Die Ortskirche verwandelt sich zu einem "jugendgerechten" Ort, zu einer "Location" mit neu definierten Marken und Möglichkeiten.
Jugendkirchen funktionieren wie andere Gemeinden auch: Rituale, ein Mysterium, Sinne ansprechende Veranstaltungen (JuGodis, Events, Workshops), den Glauben und auch den Sündenfall (als Warnung). Das stellt eine permanente Herausforderung für Jugendkirche dar, sich vor Abschottung, Rückzug und Verengung auf bestimmte Stil- und Frömmigkeitsrichtungen zu verwahren.
Zugleich wird auf diesem Weg die volkskirchliche Gemeinde durch Impulse aus der Jugendkirche zu Veränderungen angeregt und motiviert. Es geht auch darum, in welchem Masse und durch welche Formen 'Jugendkultur' in den unterschiedlichen Jugendkirchenprojekten vorkommt und wie sie von den Gemeindemitgliedern toleriert wird. Tatsächlich erfahren szenentypische Ausprägungen von Spiritualität nach anfänglichem Zögern eine erstaunliche Zustimmung durch die Gemeinde, falls sie bereit ist, sich damit auseinanderzusetzen.
Andererseits gilt es Wertorientierung zu vermitteln und damit eine kulturelle Basis zu schaffen, um sozialethisches Handeln als Motivations- und Kraftquelle zu begreifen. Erziehungsberechtigte geben immer häufiger ihre Verantwortlichkeit an Schulen und Ausbildungsstätten ab, was zu einer modifizierten Sozialisation führt. Kulturelle Regeln und Wertvorstellungen werden nicht mehr von den Eltern weitergegeben, da sie lediglich peripher an der Grundwertevermittlung beteiligt sind. Hier erscheint mir ein grundsätzlicher Aufgabenbereich für die Jugendkirche als logische Konsequenz.
Wer, wenn nicht sie - wann, wenn nicht jetzt?
Wie kann man eine Jugend für die Kirche gewinnen, die bisher nur in Schwarz-Weiss existiert hat? Doch wer mit offenen Augen durch die Welt geht und aufmerksam auf Zwischentöne hört, findet das "Mehr", das dem Leben einen Sinn gibt. Freiraum haben - wieder mit sich selbst in Berührung kommen - das Göttliche spüren. Zwischen Schule, Familie und Freunden, Hobbys und den Anforderungen des ganz normalen "Erwachenwerdens" kommt die Seele oft zu kurz.
Der Kölner Kardinal Joachim Meisner beklagt einen "katastrophalen Glaubens- und Wissensmangel" in der jungen Generation. Dringend notwendig sei eine missionarische Tätigkeit innerhalb und ausserhalb der Kirche. Dazu gehöre auch der Mut zum Widerspruch gegen politisch korrektes Denken, das sich gegen die Wahrheit Gottes und des Menschen richte.
Das kann der Würzburger Religionspädagoge und Jugendforscher Professor Hans-Georg Ziebertz bestätigen. Er hat Glauben und Religiosität in der empirischen Studie "Youth in Europe" untersucht. Demnach sind Jugendliche in Deutschland im Gegensatz zu Polen, Irland und Kroatien kirchenferner. 61 Prozent der deutschen Jugendlichen gehen nie oder höchstens zweimal im Jahr zur Kirche. Gut ein Viertel betet nicht, ein weiteres Viertel selten. Trotzdem bezeichnet sich fast die Hälfte (46 Prozent) als stark oder sehr stark gläubig. Laut einer Emnid-Umfrage im Auftrag des Magazins "Der Spiegel" sagen zwei Drittel der jungen Deutschen, es sei modern, an etwas zu glauben. Bisher konnten die christlichen Kirchen in der BRD dieses Vakuum nur unzureichend füllen. Um diesen Mangel zu beheben wird inzwischen hingearbeitet, wenn auch nur zögerlich und oftmals mit den grössten Anfeindungen der der Nächstenliebe, der Toleranz und der Liebe verpflichteten christlichen Gemeinden. Viel Aufklärungsarbeit ist noch zu leisten und nicht immer sind die Initiatoren und Befürworter der Jugendkirchenbewegung (JuKiBe) besonders hilfreich. Das liegt in der Regel daran, dass sie sich nicht den Medien öffnen und es somit zulassen, dass die Bevölkerung durch Fehlinformation ("Die nehmen uns die Jugend weg!", "Die kosten nur Geld, das uns dann fehlt!", etc.) negativ motiviert wird, wennüberhaupt. Gerade dieses "wenn überhaupt" müsste im Bewusstsein der Christen verschwinden und einer engagierten Grundhaltung weichen. Das gelingt jedoch nur mit einer offenen und ehrlichen Öffentlichkeitsarbeit. Aber genau da hinkt es, da die Jugendkirchen den gleichen Fehler wie die Volkskirchen begehen und ihre Entscheidungswege hinter verschlossenen Türen und klammheimlich fällen - nicht nachvollziehbar, oft ohne Beteiligung der Jugendlichen und vor allem über ihre Köpfe hinweg - von der von den Bistümern viel propagierten Transparenz ist nichts zu bemerken. Zudem sind gute und motivierte Jugendpfarrer selten gute Marketingstrategen, überlassen zu viel dem Zufall. Nur weil im Gemeindeblatt eine Anzeige platziert ist, landet der Veranstaltungshinweis noch lange nicht bei der Zielgruppe. Und oft hemmt die schnelle Verbreitung einer Jugendkirche-Idee eine Web-Site, die Jugendliche nicht anspricht. Auch die in anderen Regionen adaptierten Jugendkirche-Events sind nicht unbegrenzt in die eigene Jugendkirche übertragbar. Schnell ist ein Jugendkirche-Projekt über die erste Welle hinaus, dann muss die nächste folgen.
Deshalb sollte eine Jugendkirche von Anfang an offen agieren, die Jugendlichen von Anfang an in Prozesse der Entscheidungsfindung einbinden und innerhalb eines Netzwerkes stehen, wenn sie langfristig Bestand haben möchte. Hierbei erscheint wichtig: "Ideologische Scheuklappen und Berührungsängste fallen weg", sagt Heiner Barz, Professor für Erziehungswissenschaften in Düsseldorf, der über Jugend und Religion forscht. "Es gibt einen Wandel hin zur Patchwork-Identität und auch zur Patchwork-Religion. Man folgt nicht mehr einem festen Wertekanon, sondern stellt sich seine Werte selbst zusammen."
Gerade deshalb ist es von grösster Wichtigkeit, dass die Jugendkirche eine feste Verbindung in andere Arbeitsbereiche anstrebt. Wichtig ist, dass sie sinnvoll in den Konzeptionen anderer Institutionen auftaucht. Auch die Verbindung zu den Schulen, insbesondere zum Religionsunterricht, sollte von Anfang an bestehen, um einen einheitlichen Wertekontext zu gewährleisten.
Die Jugendkirche darf innerhalb eines Systems nicht als Konkurrentin gesehen werden, sondern muss ein Modell für neue Prozesse der Kooperation darstellen. Der Sparzwang auf der einen Seite und die gesellschaftliche Entwicklung auf der anderen Seite erfordern Räume des Experiments. Synergien aus verschiedenen Bereichen sollten den Nährboden für die Trägerschaft und die Konzeption darstellen. |