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Freitag, 30. Juli 2010
Ja zur Jugendkirche - wenn sie gut gemacht ist 2 PDF Drucken
Geschrieben von pierre roh   
Mittwoch, 22. Juli 2009

Jugendkirche deniert? Noch nicht!Eine exakte, allgemein anerkannte Definition zur Begrifflichkeit Jugendkirche (JuKi) wurde bisher trotz vielfältiger Bemühungen noch nicht eindeutig festgelegt. Das kann daran liegen, dass Gottes Mühlen langsam mahlen oder schlicht, dass eben die JugendKirchenBewegung (JuKiBe) hier in Deutschland erst seit rund neun Jahren einen Zeh auf die Erde bekommt und der Sand im Getriebe im Laufe von zwei Jahrtausenden biblische Ausmasse angenommen hat. Klar scheint zumindest allen aufbruchswilligen Beteiligten zu sein, dass Jugendkirche dem Wunsch der InteressentInnen entsprechend ausdrücklich ökumenisch offen arbeiten sollte und sich somit an alle christlichen Jugendlichen wenden müsse.

Die Ausführungen der meisten JuKi-Befürworter beschreiben in der Regel weniger konkrete Massnahmen und Programme, sie zielen vielmehr auf die theologischen und spirituellen Quellen, aus denen JuKis schöpfen dürfen und können, um wirksam im christlichen Konsens handlungsfähig zu sein sowie Jugendkirche nachhaltig zu gestalten - und zwar der Sache angemessen ausschliesslich unter Mitverantwortlichkeit und letztendliche Entscheidungshilfe der Jugendlichen selbst. Doch gerade da wird unter Hinweis auf die Machtfülle der christlichen Kirchenobrigkeit der jugendkirchliche Gedanke der Selbstbestimmung durch den Gestaltungswillen "der da oben" in vielen Fällen schon im Vorfeld zunichte gemacht. Niemand redet gern von Macht, vor allem nicht in der Kirche - aber sie wird vielfach ausgeübt.

In jungen Jahren darf man oft nicht eigenverantwortlich innerhalb der Gemeinde Entscheidungen fällen oder gar Projekte leiten, da Jugendlichen die Erfahrung fehlen würde, wie einem die älteren Kirchenvorsteher und Gemeindemitglieder immer wieder gerne versichern. Unbiblisch, wie Prophetenberufungen im AT zeigen, denn "sage nicht: 'Ich bin zu jung’", spricht Gott zu Jeremia (Jeremia 1, 7) und macht ihn zu seinem Propheten. Und im Neuen Testament heisst es: "Niemand verachte dich wegen deiner Jugend; du aber sei den Gläubigen ein Vorbild im Wort, im Wandel, in der Liebe, im Glauben, in der Reinheit" (1 Tim 4,12). Wirkliche Autorität erweist sich durch Ansehen. Ansehen gewinnen wiederum setzt Authentizität, Arbeit und Anteilnahme an Anderen voraus - und die Fähigkeit, Zeit zu haben, sie sich zu nehmen. Dieses Bemühen ist keinesfalls zweitrangig oder eine zu vernachlässigende 'theoretische Grösse', die den Altvorderen wie selbstverständlich und alleinig anheimfällt.

Als 'Treibsatz‘ für JuKi-Praxis sind solche Grundvergewisserungen Bestandteil der Praxis selbst, deren Kern eine Botschaft ist, mit der sich Jugendliche nicht zu verstecken brauchen, ja nicht verstecken dürfen. Der Aufbruch, das Apostolat, die Umkehr, der neue Vollzug, die Bewährung, Wirksamkeit und Nachhaltigkeit sind Momente der heutigen Glaubenserfahrung von jungen Christen, die oft Neuorientierungen von unerwarteter Seite erzeugen, in ganz neuen Zusammenhängen, aus nicht gekannten Motiven. In der Vergangenheit waren diese eher selten, da eine relativ homogene kulturelle Umwelt lange Zeit Bestand hatte.

Da diese nicht mehr aus der Tradition erwachsend zwingend existiert, ist es auch von vornherein undenkbar, Jugendkultur auf ein griffiges Mass zu reduzieren, und auch eine stimmige Definition von "Jugendkirche" als solches dürfte lediglich Näherungen bringen, ist sich die JugendKirchenBewegung (JuKiBe) per se selbst im Unreinen darüber, wie man eine "Kirche für Jugendliche" denn nun eigentlich benennen sollte: Jugendpatoral, Jugendgemeinde, Junge Kirche, Kirche der Jugend, etc. Bereits bei diesen Nennungen streiten sich Theoretiker um Abgrenzung und Sinn der Unterschiede, obwohl letztendlich alles jugendkirchliche Arbeit darstellt und somit Jugendkirche ist.

Für jugendliche Christen und einem Grossteil der Bevölkerung ist der Begriff "Jugendkirche" der Einrichtung naheliegend, da er in seiner Form bereits in unseren Sprachgebrauch eingesickert ist (sowie mit dem griffigen Kürzel "JuKi" versehen werden konnte) und die Institution eindeutig und für jeden verständlich definiert. Die Bezeichnung "Junge Kirche" gab und gibt es bereits ohne besondere Einbindung der Jugend und Jugendpastoral bedarf für viele Nichtkirchgänger, die man ja eigentlich verstärkt ansprechen möchte, erst einmal einer Erklärung:
Jugendpastoral bezeichnet in der römisch-katholischen Kirche das Wirken der Jugend in der Kirche sowie die Arbeit kirchlicher haupt- und ehrenamtlicher Mitarbeiter mit Jugendlichen und für Jugendliche.
Nimmt man den Begriff Jugendkirche in seiner reinsten Bedeutung, gibt es Jugendkirche in der BRD in den seltensten Fällen - will sagen: Eine Kirche die ausschliesslich von Jugendlichen gestaltet und für Jugendliche da ist, wird es wohl so schnell nicht flächendeckend geben und existiert bei näherer Betrachtung letztendlich lediglich punktuell und temporär begrenzt. Der JuKi-Coach Willi Schönauer unternimmt hier nun einen Versuch, sich der Definition JuKi zu nähern, deren Hauptzielgruppe Jugendliche im Alter von 14 bis 18 (teils bis 27) Jahren darstellen:
  1. Jugendkirche ist ein lebendiger Ort, an dem Jugendliche ihre Spiritualität entdecken und leben können. Die Freude am Glauben ist erfahrbar, in einer Sprache, die Jugendliche verstehen. Sie bietet Raum zum Experimentieren und sich Glauben anzueignen. Jugendliche Lebenswelten, ihre Ästhetik und ihre Themen setzen sich in Beziehung zur Kirche. Es gibt einen kirchlichen Raum, der zumindest in Teilbereichen dauerhaft von Jugendlichen gestaltet ist.
  2. Jugendkirche ist niedrigschwelliges Angebot für Kirchenferne, aber auch inspirierender Ort für kirchennahe Jugendliche, mit  breit gefächertem Programm. Es gibt Jugendgottesdienste, die sind fast wie ein Konzert und Konzerte, die die spirituelle Kraft eines Gottesdienstes haben. Es ist möglich, einfach in das Café zu kommen, bei guter Musik Leute zu treffen und über Gott und die Welt zu reden, während nebenan die Proben für ein christliches Musical laufen, ein Kunstobjekt entsteht, ein Team  den nächsten Jugendgottesdienst plant und sich Jugendliche als SeelsorgehelferInnen ausbildenlassen.
  3. Jugendliche werden von Anfang an beteiligt, um eine große Zielgruppen-Nähe zu erreichen. Die Strukturen werden so gestaltet, dass Jugendlichen die Mitarbeit leicht fällt. Die hauptamtlichen MitarbeiterInnen moderieren, beraten und stellen sicher, dass Jugendliche IHRE Kirche realisieren können.
  4. Eine intensive Vernetzung mit den Kirchengemeinden, der Gemeindejugend, den Schulen, anderen Jugend- und Kultureinrichtungen, den Kulturschaffenden und anderen Jugendkirchen ermöglicht vielfältige Kooperationen.
  5. Die Jugendkirche wird ggf. gemeinsam mit der bisherigen Ortsgemeinde in gegenseitiger Abstimmung genutzt. Gestaltungselemente und technische Einrichtungen der Jugendkirche werden dauerhafter Teil der Kirchenausstattung.
Die hier beschriebenen Dimensionen jugendkirchlich begründeter Kirchenarbeit beschränken sich im Idealfall nicht auf die engeren Kreise von Kirche, sondern können in christlicher Freiheit die offene Jugendarbeit, die Jugendhilfe, die Jugendsozialarbeit, aber auch die kulturellen, musikalischen und liturgischen Initiativen zulassen, nutzen und kreativ fördern. Sie vermögen Heranwachsende aus der Diffusität und Unverbindlichkeit weiterzuführen in den Rhythmus des kirchlichen Lebens und der christlichen Lebensgestaltung - mit Vernetzung statt hierarchischer Gliederung.

Sie verlieren auch nicht die Lebensformen der Jugendkultur in Sprache, Musik, Mode und künstlerischen Gestaltungformen und neuen Formen freiwilligen Engagements aus den Augen - in grosser Differenziertheit, aber auch in grösserer Gemeinschaft und Einheit, eben "ungetrennt und unvermischt". Wenn nach dem finanziellen Zwischenhoch der vorangegangenen Jahre Kommissionen und Sparrunden Worte wie Reform, Kompetenz oder Profil neu definieren wollen, muss die kirchliche Jugend vorbereitet sein, um ihre Vorstellungen von Jugendkirche einzubringen.

Dabei wird es auch darum gehen, welche Angebote Kirche Jugendlichen bietet und in wie weit sich die streng hierarchisch gegliederte christliche Kirche auf die zunehmende Individualisierung des Nachwuchses einlassen kann und möchte. Die Vertiefung einer christlichen Sozialkultur aus den Gaben und Herausforderungen des Geistes sowie das Vermögen der Pfarreien, an feste JuKi-Räume und an verlässliche Strukturen in geistlichen Gemeinschaften und Gruppen (Workshops, Events, JuKi-Bands, etc.) heranzuführen, wird entscheidend für die JuKiBe sein.

Die Realität um diese Individualisierungskompetenz der Kirche wird de facto vor allem in den Städten längst gelebt: Nicht nur in der Frage der Flexibilisierung der Parochien (z.B. eben Jugendkirchen, milieuorientierte Gemeinden),  sondern auch in der Bedeutung der situativen Gemeinschaftsformen (Kulturkirche, Erlebniskirche, Jugendgottesdienst und (Jugend-)Kirchentag).

Dies lässt sich sogar biblisch begründen, wenn man berücksichtigt, dass in der 'Heiligen Schrift' keine definitorische Aussage zur Aufgabe der Kirche - sieht man von der Kernaussage der Mission ab - zu erwarten ist, da die biblischen Schriften keine kirchlichen Institutionen vor Augen hatten, sondern unterschiedliche Sozialformen des Glaubens. Zudem formulieren die biblischen Texte nur selten Definitionen, sondern erzählen und zeugen von Kommunikationsprozessen.

Der Versuch einer Eingrenzung und näheren Begriffsbestimmung von Jugendkirche bedarf sicherlich noch einiger Erweiterungen, Erläuterungen und Präzisierung, die in einer der nächsten Folgen von 'Ja zur Jugendkirche - wenn sie gut gemacht ist' dargeboten werden. ("Hierfür brauche ich Eure Unterstützung und es sind mir Eure Erfahrungen, Meinungen und Erkenntnisse wichtig, um einer Begriffsbestimmung beizukommen. Über entsprechende Reflexionen unter: bewegungsmelder(at)sofort-start.de wäre ich dankbar." - Der Autor) Brainstorming
Die Sinus-Jugend-Studie (wir berichteten... Generation 'Benefit'?), die MISEREOR und der Bund der Deutschen Katholischen Jugend, der BDKJ, in Auftrag gegeben hatten und die sich bemühte, der Verzahnung der Jugendlichen innerhalb der christlichen Gesellschaft und ihre Beziehung zu Kirche auf den Grund zu gehen, machte zumindest schon mal das 'Warum' etwas transparenter. Eine Konsequenz, die sich daraus ableiten lässt, ist die Einrichtung von Jugendkirchen, um Jugendliche als solche in einer Kirchengemeinde einbinden zu können und so den Erhalt der Institution Kirche in Zukunft zu gewährleisten. Dazu der Deutschlandfunk:
 
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