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Freitag, 30. Juli 2010
Jugendkirche beim Kirchentag: Cool sein, religiös sein PDF Drucken
Geschrieben von pierre roh   
Donnerstag, 21. Mai 2009
Gern wird gemutmasst, dass viele jugendliche Kirchenmitglieder ihren Glauben nicht praktizieren. Jetzt zeigt eine Studie: Zumindest für Protestanten scheint das nicht zuzutreffen. 80 % von ihnen sind nach eigenem Bekunden religiös. Ein Drittel befasst sich oft mit Fragen des Glaubens. So erscheint für viele der → Evangelische Kirchentag in neuem Licht, obwohl die Erfahrungen der vergangenen Kirchentage bereits zeigten, dass etwa 40 % der Besucher unter 30 Jahren sind. Techno-Gottesdienste, Pop-Gebete, Heavy-Metal-Konzerte, gerappte Psalme, Graffiti-Workshops, Jugendkirchen-Performances und -Präsentationen sowie Internet-Chats - das Programm vom 20. bis 24. Mai soll möglichst viele junge Menschen ansprechen.
 
Pünktlich zum Beginn des 32. Deutschen Evangelischen Kirchentags hat die Bertelsmann-Stiftung Zahlen zu den religiösen Haltungen deutscher Protestanten vorgelegt. Demnach können 80 % der 25 Millionen evangelischen Kirchenmitglieder als religiös eingestuft werden, das heisst, sie praktizieren ihren Glauben privat oder öffentlich. 14 % sind demnach sogar hochreligiös. Der Anteil derer, die laut dem Religionsmonitor der Stiftung nicht religiös sind, liegt unter deutschen Protestanten bei 17 %.

Aus den Daten der Untersuchung deutscher Protestanten geht weiter hervor, dass von diesen sich rund 34 % oft oder sehr oft mit Glaubensfragen beschäftigen. 45 % tun es gelegentlich. 40 % zeigen sich offen dafür, mehr über religiöse Themen zu erfahren. Aus diesen Befunden einer recht hohen Religiosität und eines bemerkenswerten religiösen Interesses folgern die Autoren der Auswertung, dass die evangelischen Christen anders seien als der Kirchentag: "Die Welt des deutschen Protestantismus und der Evangelischen Kirche ist viel intensiver religiös geprägt, als es das mediale Image eines Kirchentages nahe legt." Doch zutreffend an diesem Satz sind nur drei Wörter: "das mediale Image".

Es könnte durchaus sein, dass manche Berichterstattung von früheren Kirchentagen den Eindruck erweckte, es gehe dort nur um "bundespolitische Politikprominenz, zahllose Kulturevents und Podiumsdiskussionen zu Themen von Klimaschutz bis zu Frauenfragen", wie die Bertelsmann-Forscher nun schreiben.

Allein im "Zentrum Jugend" - bestehend aus mehreren Hallen und Bühnen im alten Hafen - erwarten die Veranstalter täglich bis zu 15 000 Teilnehmer. 100 verschiedene Projekte sorgen für Unterhaltung und Diskussionsstoff. "Jugendliche wollen nicht einfach nur konsumieren, sie wollen sich beteiligen", erläutert Hans-Albert Eike, verantwortlich für das Jugendprogramm beim Kirchentag. So laden viele Konzerte zum Mitsingen ein, Ausstellung sind interaktiv und in der Castingshow "Deutschland sucht den Klimastar", die an die ähnlich klingende Sendung mit Dieter Bohlen erinnert, wählt das Publikum den Kandidaten mit der besten Idee gegen die Erderwärmung.

"Wir haben uns auf die Fahne geschrieben, auch die Jugendlichen zu erreichen, die nicht zu den klassischen Kirchengängern gehören", sagt Eike. "Wir wollen ihnen zeigen, dass Glaube auch cool sein kann." Wie viele der etwa 25 Millionen Mitglieder der Evangelischen Kirche in Deutschland unter 18 Jahre alt sind, ist nach Angaben des Oberkirchenrats Thorsten Latzel nicht bekannt.

Eins ist aber sicher: "Der demografische Wandel trifft die evangelische Kirche noch kritischer als die Gesellschaft insgesamt." Zwar sei die Zahl der Konfirmanden immer noch hoch. Im Jahr 2007 liessen sich 250 000 Jugendliche konfirmieren. Doch danach sinke das Interesse an der Kirche rapide, sagt die Bremer Jugend-Vorsitzende Funke. "Für die über 14-Jährigen fehlen in den Gemeinden oft die attraktiven Angebote." Die finden die junge Leute dann eher in den Sportvereinen oder Jugendzentren.

In einer globalisierten und unübersichtlichen Welt nimmt die Sehnsucht nach religiöser Orientierung zwar zu, aber der Boom füllt nur zum Teil die Kirchen - denn Frömmigkeit und Spiritualität erleben eine ausgeprägte Individualisierung. Positiv heisst das: Eine kirchlich glaubwürdige Flexibilität im Umgang mit individuellen Erwartungen wird eine Grundkompetenz zukünftiger kirchlichen Arbeit sein. Die Zukunft der Kirche hängt zu einem nicht unerheblichen Teil an ihrer Individualisierungskompetenz unter Beibehaltung des gemeinsamen Profils und gemeinschaftlichen Lebens ab. Die Diskussion um diese Individualisierung der Kirche ist faktisch längst Realität: Nicht nur z.B. in der Frage der Flexibilisierung der Parochien (z.B. Personalgemeinden, Jugendkirchen, milieuorientierte Gemeinden) sondern u.a. auch in der Bedeutung der situativen Gemeinschaftsformen ("Kirche bei Gelegenheit", "Erlebniskirche" und (Jugend-)Kirchentag) und das WorldWideWeb tut ein übriges.

Das → Internet ist mittlerweile aus der kirchlichen Jugendarbeit nicht mehr wegzudenken. "Es ist das Leitmedium der Jugend", sagt Martin Weber von der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Kirche und Projektleiter des christlichen Internetportals "Youngspirix". "Die liebste Freizeitbeschäftigung der Jugend ist immer noch, Freunde zu treffen → aber die Fortsetzung dieser Treffen findet im Internet statt." Auf "Youngspirix" können sich junge Christen über Gott, die Bibel und Themen austauschen, die sie beschäftigen. In Zukunft soll das Netzwerk mal eine Alternative zu "StudiVZ" oder "Facebook" werden - und auf dem gemeinnützigen Internet-Portal www.jukis.org kann man sich über einen → Bewegungsmelder austauschen, alles publizieren was innerhalb der christlichen Jugendarbeit bewegt sowie Veranstaltungstipps, JuGodis und Jugendkirchen-Veranstaltungen selbständig und ohne umständliche Anmeldung eintragen.

Auf User-Treffen während des Kirchentags können sich die Chatpartner endlich persönlich kennenlernen. Am meisten werden sich die jungen Gäste aber wohl auf die Konzerte von Pop-Grössen wie Stefanie Heinzmann, Thomas D. von den Fantastischen Vier, Die Happy, Bosse oder Cassandra Steen freuen. Dass so viel Festival-Charakter das eigentliche Anliegen von Kirche in den Hintergrund rückt, befürchtet Funke jedoch nicht. "Der Kirchentag ist da, um Gemeinschaft zu erleben - wie das alltägliche Gemeindeleben auch." Und für Jugendarbeit sei das eine grosse Chance: "Wir können beweisen, dass Kirche mehr ist, als nur im Gottesdienst zu sitzen."

Tatsächlich sind Kirchentage, das gilt auch für den jetzigen in Bremen, mindestens genauso religiös, wie es der Religionsmonitor den evangelischen Kirchenmitgliedern bescheinigt. So können die 100.000 in Bremen erwarteten Dauerteilnehmer allein am Donnerstagmorgen unter gleich 23 Bibelarbeiten wählen. Über die Sündenvergebung und Kreuzestheologie wird genauso diskutiert wie über das Selbstverständnis evangelischer Gemeinden, und es gibt Dutzende Veranstaltungen zum Verhältnis von Juden, Muslimen und Christen. Hinzu kommen Gebets- und Meditationsveranstaltungen, Abendgottesdienste, Konzerte mit christlicher Musik und szenische Lesungen aus der Bibel.

Gerade in diesem Jahr, wo neben Debatten über die Finanzkrise und 20 Jahre Mauerfall keine grösseren Kontroversen zu erwarten sind, dürften solche Veranstaltungen mit spezifisch religiösem Profil noch mehr Zulauf haben als bei früheren Kirchentagen, wo es aber ebenfalls bei Bibel-Auslegungen kaum weniger gedrängt zuging als bei Klimaschutz-Diskussionen.

Doch auch mit solchen politischen Veranstaltungen bringt sich der Kirchentag keineswegs in einen Gegensatz zu den von Bertelsmann gefundenen Haltungen des Kirchenvolks. So erklärten die befragten Protestanten, dass unter den Lebensbereichen, in denen sie sich vom Glauben leiten lassen, der Umgang mit der Natur schon an zweiter Stelle steht. Ein grösseres Bedürfnis nach Religion hätten sie nur bei privaten Erlebnissen wie Geburt, Trennungen oder Tod – was freilich in Kirchentagsveranstaltungen zu Sterbehilfe oder zum Verhältnis von Glauben und Spiritualität ebenfalls Berücksichtigung findet.

Wenn aber drei Viertel der Befragten erklären, dass sie oft oder sehr oft über Leid und Ungerechtigkeit in der Welt nachdenken, dann kann der diesjährige Kirchentagsschwerpunkt zur Finanzkrise und zu neuen Regeln für die Weltwirtschaft so unangemessen nicht sein. Insofern könnte der "Abend der Begegnung", mit dem der Kirchentag beginnt, für die Bertelsmann-Stiftung ein wichtiger Anlass zu Feldforschungen sein.

Umfrage: Würden Sie sich selbst als religiös bezeichnen?
32% - Ja, ich bin sehr religiös
42% - Ja, ich bin durchschnittlich religiös
  5% - Nein, ich bin nicht besonders religiös
21% - Nein, mit Religion kann ich nichts anfangen
 
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