Wer schon einmal einen Kirchentag erlebt hat, kennt die spirituell aufgeladene Atmosphäre, die die gastgebende Stadt bei diesem Grossereignis erfüllt - bei aller Ernsthaftigkeit der Debatten und Foren. Die Anziehungskraft des Kirchentags liegt vor allem für junge Gäste wohl in einer gigantischen Glaubensparty. Schon zum Auftakt während des "Abends der Begegnung" soll es richtig rund gehen, wenn - wie erwartet - 300.000 Gäste kommen.
Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber, hofft darauf, "dass das ein grosses Fest des Glaubens wird - mit einer besonderen Prägung durch die Weltoffenheit und die vielfältige Liberalität Bremens. Ich hoffe auch auf eine Zeitansage angesichts der herausfordernden Probleme der Gegenwart und der Notwendigkeit, Globalisierung neu zu verstehen und sich mit der wirtschaftlichen Entwicklung und ihren gravierenden Auswirkungen auf die Menschen auseinanderzusetzen."

Kirchentagspräsidentin Karin von Welck: "Kirchentage setzen sich mit aktuellen Problemen auseinander, es gibt Diskussionsforen zu brennenden Fragen unserer Zeit wie etwa der Finanzkrise. Daneben geht es um gesellschaftliche Fragen wie Bildung, Überalterung der Gesellschaft und Ökologie, ein Thema, das traditionell auf Kirchentagen eine große Rolle spielt. Immerhin wird es auf diesem Kirchentag nicht nur einen Dialog der Religionen geben, sondern einen Trialog zwischen Christen, Juden und Muslimen.
Darauf bin ich gespannt, und davon erhoffe ich mir neue Impulse im sicherlich nicht immer einfachen Verhältnis der Religionen untereinander. Ganz wichtig ist die Botschaft, wie sie durch die Losung des Bremer Kirchentages vermittelt wird: Man kann nicht in seiner eigenen Welt leben und denken, dass es die da oben schon richten werden. Das funktioniert nicht. Jeder muss Verantwortung übernehmen, das sollte auf dem Kirchentag vermittelt werden. Und natürlich geht es um Werte wie Freiheit und Toleranz auch für andere Religionen."
Sechs Jahrzehnte nach dem ersten evangelischen Glaubensfest in Hannover geht es zudem in vielen Veranstaltungen um das 60. Jahr der Bundesrepublik und das 20. Jahr nach dem Mauerfall. Zu den Höhepunkten des Kulturprogramms zählen Open-Air-Konzerte, etwa mit der Kölner A-capella-Gruppe "Wise Guys". Neben Klassik wie dem "Bremer Requiem", das extra für den Kirchentag komponiert wurde, gibt es Kino, Theater und erstmals eine "Nacht der Poesie".
Unbeschwert und heiter: So werden Teilnehmende und Mitwirkende den 32. Deutschen Evangelischen Kirchentag mit dem Motto 'Mensch, wo bist Du' in Bremen erleben. Karin von Welck: "Das Motto 'Mensch, wo bist Du' wurde ja schon vor zwei Jahren ausgewählt, aber ich finde, dass es jetzt, in den schwieriger gewordenen Zeiten, hervorragend passt. Die Krise hat uns gezeigt, dass wir unglaublich abhängig sind von der Globalisierung. Globalisierung haben viele von uns als ein Thema von anderen gesehen. Dass es jedoch jeden angeht, wird erst jetzt offensichtlich, und so stellt sich die Frage - und das spiegelt sich dann im Motto wider - wo die Verantwortung des Einzelnen liegt."
Die typischen Kirchentags-Teilnehmer sind vor allem junge Menschen, die auf der Suche nach Verankerung, nach Bestätigung von Werten sind. "Menschen aus dem In- und Ausland werden dazu in Bremen erwartet: rund um Roland und Messegelände, zwischen Schlachte und Europahafen. Für die Amtskirche ist das meines Erachtens eine große Chance, sie sollte eine solche Veranstaltung, wenn man so will, als Marketingmöglichkeit für sich nutzen", so Welck.
Schluss- und Höhepunkt des Mega-Strassenfestes rund um elf Bühnen soll ein Lichtermeer von 150.000 Kerzen sein, das von einer Performance begleitet wird: Der Kölner Künstler Rochus Aust lässt Boote Ballett fahren und Bäume singen. Eine Herausforderung für Polizei und Verkehrsplaner ist dabei der Einzug des Bundesligisten Werder Bremen in das UEFA-Cup-Finale in Istanbul. Es wird am Mittwochabend zeitgleich zum "Abend der Begegnung" übertragen - zehntausende Fans wollen das spannende Match auf einer Grossbildleinwand möglichst citynah verfolgen.
Was ist Kirchentag? Jeder Kirchentag ist ein grosses Fest des Glaubens. Seit 1949 finden Deutsche Evangelische Kirchentage statt, seit 1957 alle zwei Jahre. Sie dauern immer fünf Tage. Von der Eröffnung am Mittwoch bis zum Schlussgottesdienst am Sonntag gibt es rund 2.000 Einzel-veranstaltungen. Nachdenklich und fröhlich, bunt und international. Der Kirchentag ist eine Einladung an alle, die sich auf spannende Debatten um die Zukunft unserer Welt einlassen wollen.

Eine Verbindung von Frömmigkeit und Weltverantwortung prägt stets Deutsche Evangelische Kirchentage. Schon immer sind alle eingeladen, zu Kirchentagen zu kommen: Christen verschiedener Konfessionen und Menschen aller Religionen. In den vergangenen Jahren sind dieser Einladung jeweils über 100.000 Menschen gefolgt. Zum grossen Teil waren sie jünger als 30 Jahre. Etwa die Hälfte kommt jeweils zum ersten Mal.
An der Planung, Vorbereitung und Gestaltung eines Kirchentages sind fast 50.000 Menschen ehrenamtlich beteiligt. Das heisst, dass fast jeder zweite Teilnehmende aktiv beim Kirchentag mitmacht und sich einbringt.
Von "evangelischer Zeitansage" über "Fest und Manifest des Protestantismus" bis hin zu "Experimentierfeld der Kirche" reichen die Schlagworte, die den Kirchentag beschreiben. Dabei hat er immer wieder, in Ost und West, Einfluss auf Entwicklungen in Kirche und Staat genommen. So gingen Friedens- und Ökologiediskussionen ebenso von Kirchentagen aus wie die Idee eines "Konzils für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung".
LEITWORTE DER DEUTSCHEN EVANGELISCHEN KIRCHENTAGE
1949: Erster Deutscher Evangelischer Kirchentag in Hannover – „Kirche in Bewegung“
1950: Essen – „Rettet den Menschen“
1951: Berlin – „Wir sind doch Brüder“
1952: Stuttgart – „Wählt das Leben“
1953: Hamburg – „Werft euer Vertrauen nicht weg“
1954: Leipzig – „Seid fröhlich in Hoffnung“
1956: Frankfurt am Main – „Lasset euch versöhnen mit Gott“
1957: 17 Landeskirchentage und Herbsttreffen in Berlin – „Der Herr ist Gott, der Herr ist Gott“
1959: München – „Ihr sollt mein Volk sein“
1961: Berlin – „Ich bin bei euch“
1962 - 1989: Nach dem Bau der Mauer finden in der DDR regionale evangelische Kirchentage statt
1963: Dortmund – „Mit Konflikten leben“
1965: Köln – „In der Freiheit bestehen“
1967: Hannover – „Der Frieden ist unter uns“
1969: Stuttgart – „Hungern nach Gerechtigkeit“
1971: Ökumenisches Pfingsttreffen Augsburg – „Nehmet einander an, wie Christus euch angenommen hat“
1973: Düsseldorf – „Nicht vom Brot allein“
1975: Frankfurt am Main – „In Ängsten - und siehe wir leben“
1977: Berlin – „Einer trage des anderen Last“
1979: Nürnberg – „Zur Hoffnung berufen“
1981: Hamburg – „Fürchte dich nicht“
1983: Hannover – „Umkehr zum Leben“
1985: Düsseldorf – „Die Erde ist des Herrn“
1987: Frankfurt am Main – „Seht, welch ein Mensch“
1989: Berlin (West) – „Unsere Zeit in Gottes Händen“
1991: Ruhrgebiet (erster Kirchentag nach der Wiedervereinigung) – „Gottes Geist befreit zum Leben“
1993: München – „Nehmet einander an“
1995: Hamburg – „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist“
1997: Leipzig – „Auf dem Weg der Gerechtigkeit ist Leben“
1999: Stuttgart – „Ihr seid das Salz der Erde“
2001: Frankfurt am Main – „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“
2003: Erster Ökumenischer Kirchentag in Berlin – „Ihr sollt ein Segen sein“
2005: 30. Deutscher Evangelischer Kirchentag in Hannover – „Wenn dein Kind dich morgen fragt...“
2007: Köln – „Lebendig und kräftig und schärfer“ 2009: Bremen - „Mensch, wo bist du?“