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Freitag, 3. September 2010
Die Jugendkirche und die Welt der Comic-Bibel PDF Drucken
Geschrieben von pierre roh   
Montag, 23. Februar 2009
Jugendkirche MangaHeutige Studenten kennen die Bibel kaum oder gar nicht. Es ist so gut wie unmöglich, sie mit der klassischen Literatur vertraut zu machen, da sie die biblischen Bezüge nicht wahrnehmen können oder verstehen wollen. Das stellte der englische Hofdichter (Poet Laureate), Prof. Andrew Motion (London), fest. Er habe Studenten befragt, die sich im Abitur-Leistungskurs mit Shakespeares Drama "Maß für Maß" (Measure for Measure) auseinandergesetzt hatten. Keiner habe gewusst, dass der Titel der Bergpredigt entnommen sei.

Ähnliche Erfahrungen konnte Professor Motion mit dem Gedicht Paradise Lost (Das verlorene Paradies) machen. Das Werk des Dichters John Milton (1608-1674) erzählt die Geschichte des Sündenfalls, der Versuchung von Adam und Eva durch Satan und ihrer Vertreibung aus dem Garten Eden. Den Studierenden war so wenig über den biblischen Zusammenhang bekannt, dass es schwer gewesen sei, überhaupt mit einer Erörterung zu beginnen.

Er wolle die Schuld nicht den Studenten geben, stellte Motion klar; es handele sich um ein allgemeines Bildungsproblem, das die Akademiker lösen müssten. "Kinder sollten die Bibel lesen, einfach weil sie voll von hervorragenden Geschichten ist. Sie sagen uns viel über die menschliche Natur und immer wiederkehrende Verhaltensmuster", so Andrew Motion und fordert deshalb Kurse an den Universitäten, in denen die Geschichten der Bibel behandelt würden. Diese seien "ein wichtiges Stück kulturelles Gepäck, ohne das es ihnen schwer fallen wird, Literatur ganz zu verstehen". Oder gibt es andere Wege, sich einen Zugang zur Bibel zu verschaffen?

aus: 'Manga Messiah'Die Bergpredigt, die Kreuzigung oder den Sündenfall hätten Geschichtenerzähler seit jeher beeinflusst" fährt Motion fort, und "auch ein Text wie das Buch Ruth seien essentiell wegen der "Schönheit des Textes". Genau! "Das Dritte Testament", "Zehn Gebote", "Heiligtum", "Die Katze des Rabbiners", "Preacher" - unter diesen Titeln erscheinen vielleicht auch deshalb vermehrt Comics, die sich direkt und unmittelbar auf die Bibel sowie auf Religion im allgemeinen beziehen und sich gezielt an eine eher jugendliche Leserschaft wenden.

Darin werden Ordensleute, Priester, Kardinäle, Päpste, muslimische Imame, jüdische Rabbiner und ihre Schüler sowie in letzter Zeit auch immer öfter Geschichten aus der Bibel skizziert. Diese Entwicklung überrascht einige Gläubige, erscheint jedoch lediglich auf den ersten Blick neu.

Die erste Sprechblase in Deutschland wird etwa 1000 n.Chr. aufgezeichnet, in der gesprochener Text der bildlich dargestellten Figuren zugeordnet ist. Im Evangeliar von Heinrich dem Löwen aus dem späten 12. Jahrhundert für den Braunschweiger Dom in Auftrag gegeben, und zwar an die Benediktinermönche in Helmarshausen im Weserbergland, dem künstlerisch führende Zentrum für Buchmalerei jener Zeit, wird eine Szene von Maria am Grabe dargestellt. Auf Spruchbändern ist in roter Schrift zu lesen, was die Figuren fragen, in schwarzer Schrift sind die Antworten zu lesen - eine sehr innovative Möglichkeit, Dialoge darzustellen. Die ersten "offiziell anerkannten" Sprechblasen tauchen erst sehr viel später auf, mit den Arbeiten des Lithographen, Karikaturisten und Illustrators George Cruikshank (1792-1878).

Eine weitere Vorform der heutigen "Symbiose von Bild und Text" mögen bereits die Darstellungen des Kreuzwegs in den Kirchen sein, mit denen die Bibel der Schrift Unkundigen nahegebracht wurde. Auch die mittelalterlichen Geschichtenerzähler und Bänkelsänger brachten ihre Vorstellungen mithilfe bildlicher Wiedergabe unters Volk - sie malten die Schlüsselszenen der Geschichten auf Tafeln und hielten diese während des Vortrages hoch. Die grundlegende Idee hierbei ist auch heute noch in allen Comics zu finden: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.

Die andere wichtige, und leider heute sehr intensiv in der Produktwerbung genutzte Wahrheit ist: Bilder ziehen die Aufmerksamkeit schneller und einfacher auf sich. Dass der Comic keineswegs dazu gedacht ist, das Buch zu ersetzen oder zu vereinfachen, sondern eine ganz unabhängige Kunstform darstellt, wird dabei oft übersehen.

Die bekanntesten Publikationen, die zu den Comic-Frühformen gerechnet werden können, sind die zahlreichen Geschichten von Wilhelm Busch (1832-1908) - unter ihnen die berühmten "Streiche" von Max und Moritz. Obwohl die Erzählungen auch ohne die Illustrationen verständlich wären und durch ihren eigenen Stil, ihren oftmals makabren Humor auffallen, können die Zeichnungen nicht einfach als schmückendes Beiwerk angesehen werden, sondern sind eine notwendige Ergänzung zum Text - aus dem Zusammenhang gerissen werden sie heutzutage oftmals gar als eigenständige Bildwerke genutzt.

Die Welt der Helden wird infiltriert

Die Art der Superhelden und die Sichtweise der Betrachter veränderte sich im Laufe der Jahre. Die einsamen Streiter wie Supermann und Batman traten spätestens in den 70ern zurück, die anderen schlossen sich zu Teams wie der "Gerechtigkeitsliga", den "Rächern", den "X-Men" oder den "Fantastischen Vier" zusammen. Dies bot nicht nur die Möglichkeit, mehr Hauptpersonen einzubinden (und gleichzeitig ihre Beliebtheit beim Publikum auszutesten und somit für Abwechslung in den Geschichten zu sorgen), sondern stellte auch die persönlichen Probleme der Helden mehr in den Mittelpunkt.

Durch die Beleuchtung ihrer Alltagssorgen hatte der Leser bessere Ansatzpunkte, sich mit den Helden zu identifizieren, und die Religion begann die Welt der Superhelden zu infiltrieren. Die Geschichten, die nun nach und nach erzählt wurden und werden, drehten sich plötzlich auch um die Frage nach der wahren Bedeutung des Evangeliums, die Rolle der apokryphen Schriften, die Historizität Jesu und sein Verhältnis zur modernen Welt, die gesellschaftliche Rolle der Kirche, die historische Zuordnung der Bibelgeschichten und dergleichen mehr. Diese Entwicklung ist sicherlich ein Zeichen für tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen, die natürlich auch die Sichtweisen der Comicleser betreffen.

Gerhard HadererEine derart direkte, breite und explizite Beschäftigung mit Religion und ihrer geschichtlichen Erscheinungsgestalt, mit theologischen Problemen und Auslegungsfragen religiöser Schriften, ist in der Geschichte der Comics bisher in dieser Ausprägung noch nicht vorgekommen. Zwar arbeiteten die Comics, wie viele Erzeugnisse der populären Kultur, immer schon auch mit Anleihen an dem sprachlichen, bildhaften und narrativen Zeichenmaterial der Religionen, doch hielten sie sich gegenüber einer direkten Auseinandersetzung mit theologisch etablierten Glaubensrichtungen und deren Institutionen weitgehend zurück.

Vereinzelte Bezugnahmen, wie etwa Jack Kirbys kritische Auseinandersetzung mit fundamentalistischen christlichen Erweckungspredigern in "Forever People", die Warnung vor der Verführungskraft von Sekten in Neal Adams´ und Denny O´Neils "Green Lantern and Green Arrow" in den 1970er Jahren oder in einer "X-Men"-Graphic-Novel von Christopher Claremont und Brent Anderson sowie Jim Starlins und Bernie Wrightsons "Batman"-Miniserie "The Cult" in den 1980er Jahren waren sporadische Bezugnahmen auf biblische Inhalte. In den USA trug ohnehin ab 1954 der Comics Code dazu bei, real existierende Religion möglichst weitgehend aus den Comics und deren → Verfilmungen fern zu halten, um keine religiösen Gefühle zu verletzen; die Deutungshoheit ihres Glaubens blieb den Religionsgemeinschaften in dieser Hinsicht daher weitgehend selbst überlassen.
 
 
 
 
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