Für Dr. Hobelsberger basieren Jugendkirchen auf dem Ansatz diakonischer Jugendpastoral: "Jugendkirchenarbeit denkt von den jungen Menschen her und lässt sie selbst aktiv ausprobieren. Wenn Jugendkirchen Kirchenmilieugrenzen überschreiten, nehmen sie ernst, dass die göttliche Heilzusage allen Menschen gilt." Indem Jugendkirchen bestimmte Lebensstile ansprechen und doch nicht die Kirchengemeinde als Ganzes aus dem Blick verlieren, leben sie laut Hobelsberger einen Teil von Pastoral der Zukunft.
Überraschend sei für ihn immer wieder, "in welcher Deutlichkeit Jugendliche Kirche in ihre Lebenswelt einbauen, wenn sie die Angebote attraktiv finden." Die heutige Jugend sucht und erwartet von Kirche positiven Nutzen und je weniger traditionell die Lebenswelt ist, desto deutlicher tritt diese Verhaltensweise hervor. "Wir gehen immer noch davon aus, wir könnten als Kirche auf Jugendliche zugreifen. Das Umgekehrte ist der Fall", ist Dr. Hobelsberger überzeugt. "Jugendliche greifen auf Kirche, auf Institutionen, auf Religion und auf Werte zu, wenn sie damit bei ihren Freunden gut ausschauen und davon für ihre Biographie profitieren. Man kann sich als kirchlicher Verband oder Gemeinschaft nicht gegen das Gesamt-Image von Kirche durchsetzen. Aber man kann als einzelne Institution durchaus zur Verbesserung des kirchlichen Images beitragen, wenn man nämlich gute Arbeit macht."

Mit umfangreichen statistischem Material aus der Sinus-Milieustudie U27 versuchte er klar darzustellen, wie sich Jugend und Kirche zueinander verhält. Im Auftrag des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) und des Hilfswerks Misereor hat das Heidelberger Institut Sinus Sociovision die Lebenswelt katholischer Kinder, Jugendlicher und junger Erwachsener zwischen neun und 27 Jahren erforscht. 2.400 Jugendliche und 3.100 junge Erwachsene gaben Auskunft über ihre Lebensweise, ihre Musik- und Medienvorlieben, ihr ästethisches Empfinden, ihre Einstellung zu Religion und Kirche sowie ihre Zukunftsvorstellungen.
Die Auswertung von U27 mache deutlich, "wie weit katholische Jugendverbände von den für Jugendliche attraktiven Jugendszenen entfernt sind". Das sei zum einen eine Frage des mangelnden Bekanntheitsgrades der Angebote und der Häufigkeit des Kontakts, zum anderen eine Frage der Selbstdarstellung sowie der Art und Qualität des Angebots und auch der Menschen, die sich dort engagieren, denn kirchliche Jugendverbände wirken gerade auf distanzierte Jugendliche verstaubt; Gleichaltrige, die sich engagieren, gelten als langweilig und werden einfach als "verdooft" tituliert, woraus sich eine eklatante Frage für die Kirche ergibt:
Warum sollen die Jugendlichen zu uns kommen? Was haben wir ihnen für ihr Leben zu bieten? Wie ticken Jugendliche? Welche Musik mögen sie? Welche Fernsehsendungen? Was ziehen sie an? An welchen Werten orientieren sie sich? Engagieren sie sich in einem Verein? Was wünschen sie sich von ihrer Zukunft? Wie ist ihr Verhältnis zu Religion und Kirche?
Und egal, welche Antworten, je nach individueller Auslegung, die U27 auch haben mag, stellt sich doch heraus, dass die knapp 700 Seiten dicke Studie mit dem Titel "Wie ticken Jugendliche?" verrät, dass es "Die Jugend" nicht mehr gibt. Vielmehr haben die Forscher sieben Lebenswelten, die sie als Millieus bezeichnen, ermittelt: Traditionelle, Bürgerliche, Konsum-Materialisten, Postmaterielle, Hedonisten, Performer und Experimentalisten. "Wir müssen bescheidener werden und uns von der Idee verabschieden, dass sich ein grosser Teil der Menschen im Rahmen von Religion dauerhaft und regelmässig vergemeinschaften", rät Dr. Hobelsberger.
Wie sich an diesem Abend nun gezeigt hat, ist trotz einer unterschwelligen Verunsicherung innerhalb der Gemeinde die Bereitschaft sehr gross, "das Finden einer Kirchengemeindezugehörigkeit" auch mithilfe einer Jugendkirche zu unterstützen und mitzutragen. Dass es gerade in dem Zusammentreffen von jugendkulturellem Ausdruck und bürgerlich verwurzelter Tradition zu Missverständnissen auf beiden Seiten kommen muss, ist selbst den heute Erwachsenen doch nur zu bewusst, vorausgesetzt, sie haben ein christlich fundiertes Bewusstsein der Toleranz und ein Verständnis für eine gläubige Jugend, die lediglich nicht den richtigen Rahmen innerhalb "ihrer Kirche" findet. Eines hob Dr. Hobelsberger eindeutig hervor: Schafft es die Gemeinde nicht, die Jugendlichen für den Pastoralverbund zu gewinnen, ist sie für immer der Kirche verloren gegangen.

So konnte auch im Vorfeld trotz grosser Widerstände lediglich ein Kompromiss zustande kommen, den die Leiterin des JKG-Liturgiekreises →
'Straight @ Heaven', Susanne Bertsch, als "Experimentierfeld mit Rückendeckung des Pfarrgemeinderates" bezeichnete, der vollzählig vertreten war. Ob die momentan an dieser Entwicklung mitarbeitenden Jugendlichen allerdings damit dauerhaft "bei der Stange" gehalten werden können, bleibt abzuwarten, denn ab und an ein JuGodi unter der Prämisse Jugend und Kirche (auf keinen Fall dürfen diese Aktionen als Jugendkirche tituliert werden, was innerhalb der Gemeinde auf völliges Unverständnis stiess) mit der Bezeichnung "Feel The Spirit" und ab 2010 als nächste Stufe drei thematische Wochenenden, wobei selbst dafür noch im Herbst 2009 ein Kompetenzgremium darüber beraten soll, erscheint zumindest Nerv raubend, zumal Dr. Hobelsberger während seine Vortrages feststellte, dass sich die effizient engagierenden Jugendlichen spätestens alle drei bis vier Jahre austauschen - sprich: es rücken andere nach.
Inwieweit sich dessen der aus Polen stammende geistliche Leiter für diese Seelsorgeeinheit, Pfarrer Grzegorz Mazur, bewusst ist, bleibt dahingestellt. Dr. Hobelsberger machte aber unmissverständlich deutlich, dass es, wenn es um die Installation einer Jugendkirche geht, nur ein Miteinander geben kann, "sonst kann man es vergessen". Es bleibt noch reichlich Überzeugungsarbeit zu leisten. Fakt bleibt, dass es die jugendkirchliche Bewegung in dem Pastoralverbund um Würmersheim, in dessen Mitte die als Jugendkirche vorgesehene Herz Jesu Kirche prangt, bis zu diesem frühen Zeitpunkt bereits auf immerhin 1500 €uro als Anschubspende gebracht hat.
Man kann durchaus von einer starken, neugierigen, wenn auch zögerlichen Unterstützung der Kirchengemeinde sprechen, denn ein grosser Teil war ursprünglich nicht unbedingt der jugendkirchlichen Bewegung gegenüber aufgeschlossen, aber zumindest soweit am Wohle der Gemeinde interessiert, dass sie sich nicht nur mit kritischen Fragen informierten, sondern auch eine Sorge für den sakralen Fortbestand der Kirchenräume kund tat - einer Säkularisierung steht man 100% ablehnend gegenüber, war die einhellige Meinung.
Der anwesende Dekan Gerold Siegel setzte an diesem Abend dahingehend eindeutig ein Zeichen, indem er die jugendkirchliche Idee in Herz Jesu für gut befand. Er schien sich der differierenden Lebenswelten innerhalb eines Pastoralverbundes durchaus bewusst und wunderte sich doch lediglich über die Tatsache, dass "wir vor zwanzig Jahren weiter waren." Und bekräftigend: "Ich dachte, wir hätten das damals bereits abgehakt!" Er befürwortete ein jugendgerechtes Pastoral in der heutigen Zeit und verwies auf die schwierigen Prozesse des Umdenkens und die langwierigen Wege, die diese mitunter herbeiführen können. Im Prinzip war er sich mit Dr. Hobelsberger einig, dass die Jugendkirche ein Sicherungsprojekt für die Jugend darstellt, die sonst auf jeden Fall der Kirche verloren gehen würde.
Anbiederung wird von den Jugendlichen ebenso abgelehnt, wie die Tatsache, dass die katholische Jugendarbeit sie 'praktisch weiterbringen' müsste. "Mit Kirche darf ich nicht 'scheisse' aussehen", lautet eine etwas derb formulierte Vorgabe. Wer möchte das schon? Es dürfte sich hier nicht um ein jugendspezifisches Phänomen handeln. Es tauchte irgendwann die Fragte auf, ob sich die "zu alt Fühlenden" nicht mehr innerhalb der JuKi engagieren könnten. Dem widersprach Dr. Hobelsberger, indem er auf die Funktion "junger erwachsener" hinwies, die zwar einerseits durch jegliche Raster seiner Meinung nach durchfielen, andererseits als Berater, ich würde eher sagen "als auf Fragen Reagierende", eine nicht unerhebliche Verantwortung für die JuKiBewegung inne haben könnten. Wie sagte doch der kundige Dekan so treffen: "Wir waren schon weiter."
Referat Jugendpastorale Bildung
Dr. Hans Hobelsberger
Sekretariat: Inge Glanert
Telefon: (0211) 484 766 18/17
eMail:
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Eine Geschichte des Dekans erscheint an dieser Stelle noch erwähnenswert, da überaus symptomatisch: "Wir wollten damals anstelle einer Klingel einen Gong einführen - Revolution, gar die Aushöhlung des Glaubens wurde vermutet." Ich persönlich bin doch

immer wieder verblüfft, wie wenig Halt und Überzeugung und auch innere Stärke sich viele Christen zumuten, wenn sie nicht einmal die kleinste Veränderung akzeptieren können. Und dann auch noch die grossen Umwälzungen einfach übersehen oder als unabwägbar akzeptieren, wenn es zu spät ist - wo bleibt eigentlich der Glaube an die Stärke des Christentums? Es kann es ja wohl nicht sein, dass man sich innerhalb der Kirche an Verbalismen "überschwänglich erfreut", während Inhalte auf der Strecke bleiben.
Daraus ergibt sich, wenn man sich der Bequemlichkeit vorgefertigter Bibelweisheiten entzieht (wie bemerkte Dr Hobelsberger bezeichnenderweise: "Wer hat denn schon mal die Oase als lebensspendende Offenbarung erfahren, wenn man durch die Wüste irrte?" Und: "Wer sitzt vor einem Zelt und wünscht sich, dass seine Nachkommenschaft so zahlreich sei wie die Sterne am Firmament? - Na gut, das Kindergeld wurde erhöht, aber ... .), dass man sich den Realitäten stellen sollte. Hier in Durmersheim entstand aber offenbar eine Sichtweise, die dazu führte, dass
- junge Menschen aus den Gemeinden ästhetisch und lebensstilistisch ausgeschlossen werden
- der Gottesdienst als das zentrale "Kommunikationsgeschehen" der Gemeinde (theologisch wie in der Wahrnehmung junger Menschen) als langweilig, unattraktiv, uninspiriert gilt.
Wünsche Jugendlicher an einen Gottesdient
o sich persönlich angesprochen fühlen
o aktiv teilnehmen
o Gruppenerlebnis
o Eigene, nicht vorformulierte Sprache
o Gute Atmosphäre (Kerzen)
o Moderne Lieder (Gitarre, Schlagzeug, Querflöte)
o Viele Symbole, die man versteht
Umrahmt wurde der Vortrag von der Band 'Neue Wege', die hier nahezu accapella auftrat. In einem Schlusswort bedankte sich der studierte Theologe und Romanist Klaus Nientiedt, Vorsitzender des katholischen Bildungswerkes der Seelsorgeeinheit Durmersheim/Au am Rhein sowie seit Mai 1998 Chefredakteur des Konradsblattes, der den Abend mit Herrn Dr. Hobelsberger erst möglich gemacht hatte, für das rege Interesse an dieser Veranstaltung, die hoffentlich einige der Fragen zu Jugendkirche und Jugend innerhalb des Gemeindeverbundes klären konnte.