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Freitag, 30. Juli 2010
JUGENDKIRCHE Pierre sein FILMTIPp 02-09 PDF Drucken
Geschrieben von pierre roh   
Sonntag, 8. Februar 2009
JUGENDKIRCHE pierre sein FILMTIPp
 
 
 
Kaum ist in Berlin die Verleihung der "Goldenen Kamera", der Preis einer namhaften Fernsehzeitschrift, abgewickelt worden, wurden auch schon die Internationalen Filmfestspiele von Berlin feierlich eröffnet. Während aus Spargründen bei der Verleihung der "Goldenen Kamera" diesmal die Gala abgesagt und lediglich die Gewinner bei einer Pressekonferenz durch Frank Elstner bekanntgegeben wurden, schwelgt die Berlinale in Glamour trotz Krise.
 
Während sonst Hollywood-Besuch bei der "Goldenen Kamera" angesagt ist, so auch auf die Berlinale einstimmt, bedankten sich die internationalen Stars diesmal per Live-Schaltung. Meryl Streep, der die Goldene Kamera 2009 als "Beste Schauspielerin International" verliehen wurde, sagte, sie habe volles Verständnis dafür, dass die Gala wegen der Finanzkrise abgesagt worden sei, und sie "hoffe, dass keiner seinen Job verliert."

Als gestrenge Schwester Aloysius kämpft Meryl Streep in dem Film "Glaubensfrage" (wir berichteten → hier) um ihre Prinzipien. Ihre Rolle als Nonne brachte ihr nun die 15. Oscar-Nominierung ihres Lebens ein. Weitere Preisträger der 44. Goldenen Kamera sind im Übrigen Daniel Craig, Anja Kling, Christian Berkel, Clint Eastwood, Udo Lindenberg und als bester Fernsehfilm wurde "Mogadischu" prämiert.

Zur Eröffnungsgala der Internationalen Filmfestspiele von Berlin im Berlinale-Palast kamen mehr als 2000 Gäste. Trotz Finanzkrise versprechen die Festspiele auch dieses Jahr glamourös zu werden. Festivaldirektor Dieter Kosslick kündigte Filmstars wie Tilda Swinton als Jury-Präsidentin, Kate Winslet, Keana Reeves, Michelle Pfeiffer, Renée Zellweger, Demi Moore, Woody Harrelson, Clive Owen und Monica Belucci als Gäste an. Aus Deutschland haben sich Julia Jentsch, Karoline Herfurth, Heike Makatsch, Moritz Bleibtreu, Armin Rohde, Sibel Kikelli und Armin Müller Stahl angesagt, nur um einige zu nennen.

Die 59. Berlinale ist das bedeutendste Filmereignis Deutschlands. 386 Filme aus alle Welt, 180'000 verkaufte Eintrittskarten und 20'000 Fachbesucher. Für zehn Tage ist Berlin zur Welthauptstadt des internationalen Kinos. Berlinale-Chef Dieter Kosslick hat ein Programm versprochen, das näher an der Realität ist denn je. Filme, die Opfer und Täter von Globalisierung und Kriegen zeigen, Filme, die "die Wirklichkeit besser wiedergeben als alles andere". Im Krisenjahr 2009 darf man, muss man politisch sein, und wenn dann auch noch der Eröffnungsfilm quasi seismographisch-prophetisch das aktuelle Zeitgeschehen vorwegnimmt, kann man sich gratulieren: Seht her, die Berlinale ist am Puls der Zeit.

Kulturstaatsminister Neumann sagte in seiner Eröffnungsrede, dass die Filmfestivals wie die Berlinale auch Ausdruck kultureller Vielfalt seien und Einblick in die Welt der anderen gewährten, "ein Blick, der hilft, andere Gesellschaftssysteme und Philosophien kennen zu lernen, sie zu kritisieren oder zu akzeptieren - immer mit dem Ziel der Toleranz."
Eröffnungsfilm war der Wirtschaftsthriller The International des deutschen Regisseurs Tom Tykwer. Der packende Film handelt von einer "Bad Bank", die keine Staatshilfe braucht, sondern ihrerseits Staaten kontrolliert; und für die menschliches Leben keinen Wert besitzt, weil es nicht an der Börse notiert ist. Das Actiondrama um den aussichtslosen Kampf eines Interpolagenten und einer Staatsanwältin gegen die mafiösen Machenschaften einer mächtigen Bank wurde schon nachmittags in der Pressevorführung mit viel Applaus bedacht - nicht zuletzt wegen seiner unverhofften Aktualität in der globalen Finanzkrise.

In der Tat zeigte sich Tom Tykwer mit seinem Finanzthriller "The International" um die kriminellen Machenschaften einer internationalen Grossbank seiner Zeit voraus. Als der deutsche Starregisseur im Dezember 2007 am Berliner Hauptbahnhof die actiongeladene Eröffnungssequenz drehte, konnte er nicht ahnen, dass seine erste Hollywood-Produktion ein Jahr später als eine Art Dokumentarfilm über den Zustand der Welt gesehen würde.

Im Mittelpunkt von "The International" steht die Entschlossenheit von Interpol-Agent Louis Salinger (Clive Owen - "Children of Men", "Inside Man", "Hautnah") und der New Yorker Staatsanwältin Eleanor Whitman (Naomi Watts - "Tödliche Versprechen", "King Kong", "21 Gramm"), die Machenschaften einer - fiktiven - Luxemburger Bank und dessen Top-Manager Skarssen (Ulrich Thomsen - "Brødre", "Festen") aufzudecken.

Die zwei Ermittler finden heraus, dass die Bank ein mächtiger Player im internationalen Waffenhandel ist - und dabei über Leichen geht - und folgen Salinger und Whitman der Spur des Geldes von Berlin nach Mailand, New York und Istanbul. Bald schon befinden sie sich mitten in einer hochriskanten Hetzjagd rund um den Globus, bei der sie durch ihre kompromisslose Hartnäckigkeit auch ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen: Denn ihre Zielpersonen machen vor nichts halt - nicht einmal vor Mord - um auch weiterhin Terroranschläge und Kriege finanzieren zu können. "The International" wurde im Studio Babelsberg in Potsdam gedreht sowie an Originalschauplätzen in Berlin, Istanbul und Mailand.

Zum Glück verkackstückt Tykwer die Schauwerte dieser Orte nicht im Schneideraum, das einige Agentenfilme aufgezwungen wurden, um ihrem  ihrem Zähfluss zu entrinnen. Aus der Hightech-Moderne bewegt sich Tykwer in seinem Film zurück in eine archaische Welt. In der Vergangenheit liegt der Weg in die Zukunft - das gilt ohne Zweifel auch für Tykwers Verhältnis zum Genre. Für ihn haben die grossen Paranoia-Thriller der siebziger Jahre von "Zeuge einer Verschwörung" (1974) bis zu "Der Marathon-Mann", "Die Unbestechlichen" (beide 1976) und "Die 3 Tage des Condor" (1976) Maßstäbe gesetzt.

Sie sollen Tykwer nach eigenem Bekunden bei "The International" inspiriert haben, an ihnen will er sich messen lassen. "The International" sei kein Film über die aktuelle Bankenkrise, sagt Tykwer, der mit "Lola rennt" und "Das Parfum" das Interesse Hollywoods erregte, auf der Pressekonferenz am Donnerstag im gläsernen Berlinale-Palast am Marlene-Dietrich-Platz, umgeben von seinen Schauspielern Clive Owen, Ulrich Thomsen und Armin Mueller-Stahl ("Die Buddenbrooks", "Illuminati") sowie dem Produzenten Charles Roven.

Er wolle mit seinem Film auch nicht die Banken an sich attackieren, sagte Tykwer mit der Souveränität und guten Laune eines Regisseurs, der keinen Zweifel daran hegt, einen guten Film abgeliefert zu haben. Vielmehr greife er die kriminellen Auswüchse eines Systems auf, an denen er nach jahrelangen Recherchen zu dem Projekt und zahlreichen Gesprächen mit Bankern keine Zweifel mehr hege. Fast alles, was er in seinem Film zeige, sei in der Wirklichkeit denkbar, gar schon passiert. Tykwer sagte später auf dem Roten Teppich, die Berlinale sei sein Lieblingsfestival und der "bestmögliche Rahmen" für die Weltpremiere seines Films. In der Hauptstadt drehe sich zehn Tage lang alles ums Kino; diese besondere Atmosphäre stecke an.

Mag sein, dass Kosslick und sein Team aus aktuellem Anlass den politischen Akzent des Programms verstärkten. Immerhin wählten sie aus mehr als 6000 eingereichten Filmen, ca. zehn Prozent mehr als 2008, die 386 offiziellen Beiträge aus. Politisch ist jedenfalls nicht nur der Wettbewerb - etwa mit Hans-Christian Schmids deutschem Kandidaten "Sturm" über das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag oder Oren Movermans "The Messenger" über einen Irak-Heimkehrer, der den Familien gefallener Soldaten die Todesnachricht überbringt.

In den Reihen Panorama und Forum sind unabhängige Filmemacher mit der Kamera auf mannigfaltige Weise nah am Zeitgeschehen. Und lassen nebenbei erahnen, dass das Independent-Kino, das aus der Wirtschaftskrise sicherlich weniger beschädigt hervorgehen wird als das Filmschaffen der Majors, mit mutigen, radikalen Beiträgen künftig eine grössere Rolle spielen dürfte.

Die Sonderreihe "Winter adé" zum 20. Jahrestag des Mauerfalls zeigt Spiel-, Dokumentar-, Animations- und Experimentalfilme, die zwischen 1977 und 1989 in den sogenannten Ostblockstaaten entstanden sind. Und der Episodenfilm "Deutschland 09" von Regisseuren wie Tykwer, Fatih Akin oder Dani Levy versucht eine Bestandsaufnahme unserer Gegenwart. Stark wie nie zuvor vertreten ist der deutsche Film - ein Viertel aller Produktionen entstand mit deutscher Beteiligung.

2009 polarisiert naturgemäss die Berlinale, gilt sie doch spätestens seit 1970, als sich über einen Wettbewerbsfilm von Michael Verhoeven die Gemüter tumultartig erhitzten, als das Filmfestival mit der stärksten politischen Ausrichtung. Inzwischen ist längst auch im Publikum ein neues Bedürfnis nach Wirklichkeit angekommen. Sie kommen wegen der Filme, gerade auch der kleinen, unkonventionellen, unbequemen, die vielleicht nie einen Verleih finden. Sie kommen wegen der Wirklichkeit im Kino. 
 
Die Internationale Jury sichtet für ihre Entscheidungen ausschliesslich Filme des Wettbewerbs und verkündet die Entscheidung über die Gewinner am 14. Februar. Unter dem Vorsitz von Tilda Swinton müssen die Jurymitglieder Isabel Coixet, Henning Mankell, Christoph Schlingensief, Alice Waters, Wayne Wang und Gaston Kaboré über die Filme urteilen. Ins Rennen um den Goldenen Bären geht Tykwers neues Werk (Kinostart 12. Februar) übrigens nicht.
 
"The International" läuft ausser Konkurrenz und kommt so auch nicht den beiden deutschen Beiträgen "Sturm" von Hans-Christian Schmid und "Alle Andren" von der gebürtigen Karlsruherin Maren Ade in die Quere, wobei der Tykwer-Streifen schon vom Titel her kein deutscher Film sein will, sondern einen deutschen Filmemacher auf internationaler Augenhöhe zeigt.

Jugend erforscht sich

Diesem Motto folgt offenbar das Jugendprogramm der Berlinale. Nie zuvor war es so bedeutungsschwanger und dabei so auf vermeintliche Authentizität bedacht. Die Filme wagen unverstellte Erwachsenenblicke auf junge Lebenswelten - und lassen die abgeklärte Konkurrenz ganz schön verwirrt aussehen. Die Globalisierung verändert auch unsere cineastische Welt. Ihre Dynamik rastert scheinbar unaufhaltsam nahezu alle Lebensbereiche und setzt neue Bedingungen für ökonomisches, politisches und kulturelles Handeln.

Maryanne Redpath, die erstmals das Programm der Sektion verantwortet: "In welchen Filmen finde ich mich wieder, wo ist mein Platz in der Welt? Ab wann ist man kein Kind mehr? Es gibt heutzutage viele Kinder, die sehr früh Verantwortung übernehmen müssen für sich selbst und ihre Umgebung."

Problematiken der Globalisierung unter ökonomischen, sozialen, politischen und ethischen Aspekten werden immer wieder im Jugendfilm aufgegriffen, ohne deren tieferen Beweggründe zu erhellen. Dazu übernehmen die Heranwachsenden in einem von "Gruftis" vorbereiteten Kammerspiel allenfalls die Rollen der jugendlichen Akteure auf der Migrantenbühne.

Maryanne Redpath: "Wir versuchen, die Unterteilung der Welt in Problemzonen zu vermeiden. Viele Jugendliche in westlichen Gesellschaften haben keine existentiellen Sorgen, ihre Probleme sind durch eine emotionale Armut bedingt - was nicht weniger schlimm ist. Häufig fehlen Traditionen und soziale wie gesellschaftliche Anknüpfungspunkte für das eigene Lebenskonzept."

Sie sollen die vermuteten Positionen und Ziele kennen und überzeugend vertreten sowie die sozialen Dynamiken und Mechanismen unverdorbener Entscheidungsfindung verstehen und überzeugend darstellen. Von Tiefgründigkeit und Offenheit kann man nur als Makulatur des Nichtverstehens sprechen. Der dem Jugendalter entwachsene freut sich, hat er doch nun die Möglichkeit zwischen "Ich habe es ja immer schon gewusst" und "Endlich kann ich mitreden".

Das Kinderfilmfest gibt es in der Form früherer Jahre lange nicht mehr. Es ist erwachsen geworden, lange schon und zum dritten Mal heisst es jetzt "Generation". Niemals zuvor wohl war es so mit den pubertären Rückblicken der Drehbuchautoren und Regisseure gespickt und auf zwischenmenschliche Problematik getrimmt. Ganz selbstverständlich findet das Maryanne Redpath: "Vielleicht sind dieses Jahr tatsächlich einige wenige explizite Szenen mehr als sonst zu sehen bei uns, aber es geht nicht nur um Sex, sondern um Sexualität und Liebe, und damit um Themen, die Jugendliche und Kinder beschäftigen."

"In der heutigen Zeit aufzuwachsen, kann gefährlich sein", sagt Redpath mit Blick auf das diesjährige Berlinale Jugendprogramm "Generation". "Längst nicht alle Abenteuer sind dabei von äusserlicher Natur. Die Konflikte finden immer öfter im Kopf statt und können dort mindestens genauso viel Unruhe stiften." Die Filme in 'Generation' laden ein, an diesen Reflektionen teilzuhaben", glaubt der stellvertretende Leiter Florian Weghorn.

Ich gehe da eher mit Meryl Streep konform: "Wenn Filme zu didaktisch werden, wenden sich die Zuschauer ab, das ist nun mal so", weiss die vierfache Mutter, und "in der Kunst sollte man die Dinge vielleicht eher umschreiben, statt sie direkt beim Namen zu nennen. Man sollte die Zuschauer nicht belehren, sondern berühren, unmerklich ihren Standpunkt verschieben."

Florian Weghorn: "Thematisch gesehen hat die Identitätssuche absolut Konjunktur - und zwar in Filmen für alle Altersgruppen und auch quer durch alle Sektionen der Berlinale. Der jugendliche Konflikt eignet sich dramaturgisch wunderbar, um den Finger in die Wunden der Welt zu legen. Niemand kommt intensiver mit Problemen in Berührung als ein junger Mensch, der sich fundamental mit seinen Traditionen oder seiner Kultur auseinandersetzen und an ihnen reiben muss."

Die Schwachstelle ist eventuell aufgrund dieser Einstellung bei der Filmauswahl zu Generation 14plus, die am  6. Februar eröffnete, zu suchen: Zu kopflastig, problemschwer und sozialschwanger; zudem fuchtelt ein deutelnder Zeigefinger durch die Geschichten - ich bezweifle, dass bei der Auswahl Jugendliche verantwortlich mitgewirkt haben.

Eine generelle Schwierigkeit liegt wohl darin begründet, dass Erwachsene, die die Jugendlichen eigentlich nicht so richtig verstehen, sie lediglich durch Milchglas beobachten, Jugendfilme ohne eine eigenverantwortliche Beteiligung von Jugendlichen machen und beurteilen. Man wünscht sich nicht nur hier einen Schutz vor Bevormundung. Streep: "Bewusstsein ist sehr wichtig, aber manchmal muss es ausgeschaltet werden, sonst könnten wir unser Leben nicht geniessen."
 
SNIJEG Schnee
Bosnien und Herzegowina, BRD, Frankreich, Iran 2008; Regie: Aida Begic

Im Rahmen des Europäischen Filmpreises zeichnet die European Film Academy jährlich einen jungen aufstrebenden Regisseur für einen ersten europäischen Film in Spielfilmlänge mit dem Preis EUROPÄISCHE ENTDECKUNG aus. Die Nominierungen wurden in diesem Jahr von einem Komitee festgelegt, das aus den Filmjournalisten Dana Linssen (Niederlande), Julia Teichmann (Deutschland) und Rui Tendinha (Portugal) bestand, alle Mitglieder des internationalen Filmkritikerverbands FIPRESCI, sowie aus den EFA Vorstandsmitgliedern Pierre-Henri Deleau (Frankreich) und Stefan Laudyn (Polen) und das u.a. die in Sarajevo geborene Regisseurin Aida Begic für qualifiziert hielt. Bereits in Cannes 2008 konnte Aida Begic den mit 5000 Euro dotierten Grossen Preis der Nebenreihe "Critic's Week“ mit diesem Film überreicht bekommen. Der Film erzählt vom Überleben einer kleinen Gruppe nach einem Krieg während kalter Wintermonate:
Entkernt, zerquetscht und eingekocht. Frucht für Frucht, Gemüse für Gemüse kommt alles ins Glas, haltbar gemacht für die Ewigkeit. Viel mehr gibt das Land nicht her, zwei Jahre nach dem Krieg. Junge Frauen, Grossmütter und Mädchen bilden eine Gemeinschaft von Übriggebliebenen. Ihre Träume und Ziele könnten nicht unterschiedlicher sein.

Alma faltet sorgfältig ihr Kopftuch und wäscht sich die Hände vor dem Gebet. Sie glaubt fest daran, dass der Reichtum bald wieder in der Ernte liegt. Andere suchen ihn lieber in der Stadt, in der Hoffnung auf eine Zukunft fern der Heimat. Vereint sind sie nur in der Sehnsucht nach Gewissheit, denn Neues kann erst beginnen, wenn die Wunden heilen dürfen. Das Land wäre fruchtbar genug, um halb Bosnien zu versorgen. Aber wer isst heute noch Eingemachtes im Jahre 1997?
Der Krieg ist seit zwei Jahren beendet, das Land leidet immer noch unter den Folgen. In Slavno, einem kleinen Dorf, leben nur noch vier Frauen, vier Mädchen, ein Junge, zwei alte Damen und ein alter Herr. Ihre Familien sind alle umgebracht worden, die Leichen wurden nie gefunden. Wer heute in Slavno lebt, ist ein Überlebender. Um den Schmerz der Erinnerung besser zu verkraften, haben sich die Frauen von Slavno eine eigene Traumwelt geschaffen, in der die Toten nicht vergessen, sondern ganz gegenwärtig sind - eine imaginäre Welt, die den Slavnoern höchst real vorkommt.

Das ist zu viel für Alma, die mehr vom Leben erwartet, als bloss zu überleben. Sie beginnt an der Landstrasse Pflaumenmus, Obst und andere Gartenprodukte zu verkaufen. Mit dem ersten Schnee droht aus der Abgeschiedenheit eine totale Isolation zu werden. Als zwei Geschäftsleute unerwartet in Slavno auftauchen, gerät hier die auf eine Verdrängung der Realität aufgebaute Überlebensstrategie bedrohlich in die Schieflage.

Die beiden bieten den Einwohnern eine Menge Geld an, damit sie das Dorf verlassen. Und schon beginnen sich die Ersten zu fragen, ob sie das verlockende Angebot annehmen sollen. Als unerwartet ein Sturm aufkommt und die Geschäftsleute in Slavno festhält, spitzen sich die Ereignisse zu.
 
TEENAGE RESPONSE
Deutschland 2009 / Dokumentarfilm; Regie: Eleni Ampelakiotou
 
Die Berliner Produktion öffnet Räume, in denen sich Jugendliche sehr persönlich zu ihren Beziehungen und ihrer Zukunft äussern. Wie erleben Jugendliche heute ihre erste Liebe, Sex, Trennungen, das Erwachsenwerden? In intimen Gesprächen geben 13 Jugendliche zwischen 13 und 21 Jahren Auskunft über ihre Körpererfahrung. Ob im Rausch, bei Prügeleien, beim Tanzen, bei der Liebe - nur über ihren Körper erfahren sie, wo der Schmerz anfängt, wo er aufhört und wo das "Ich" wohnt. Ein kunstvoller Dokumentarfilm über das Bedürfnis, sich zu finden und zu behaupten.
Jeder sieht, wie ich zu sein scheine, aber nur wenige fühlen, wie ich wirklich bin // Wenn ich mich verliebe - das ist ein ewiges Gefühl, das geht nie vollkommen weg // Wenn sich in meinem Leben nichts bewegt, bin ich voll mit Leere, dann ist in mir absolutes Vakuum // Fast jedes Gefühl sitzt bei mir überall // Ich dachte, man kann das erlernen, normal zu sein, aber der Mensch kommt von sich, wie er ist // Ich hatte für mich immer dieses Bild, dass ich ein Puzzle bin, was eben falsch zusammengesetzt ist // ‘ne Zeit hatte ich fünf Beziehungen auf einmal // Ich weiss, was ich kann, ich weiss, was ich bin, und so hoch ist auch die Erwartungshaltung // Ich hab gekifft, gesoffen, Teile geschmissen, gezogen, war voll hart eigentlich wie ich da gelebt hab so mit fünfzehn // 
I KNOW YOU KNOW
Grossbritannien, BRD 2008; Regie: Justin Kerrigan

"Ich habe alles unter Kontrolle. Sagt mir einfach, was ich tun muss, um uns hier rauszubringen." Charlie ist Jamies Vater und der ausgefuchsteste Geheimagent Englands. Jamie ist elf Jahre alt und lebt bei seinem Vater, den er bewundert. Es ist September und nach einem Sommer, in dem die beiden zusammen unterwegs waren, haben Jamie und Charlie ein heruntergekommenes Apartment bezogen. Das wäre nur vorübergehend, behauptet Charlie, denn er hat grosse Pläne und muss nur noch eine "geheime Mission" beenden.

Doch schon bald entwickeln sich die Dinge anders. Das tun sie eigentlich immer, denn Charlie steht ständig unter Strom: Wer verfolgt uns, wer beobachtet uns und wer hört unser Telefon ab? Charlie fürchtet, dass dunkle Kräfte sie entführen könnten. Deshalb ist es Charlie wichtig, Jamie immer in Sicherheit zu wissen. Jamie soll aber nicht dauernd bei Ernie und Lilly sein, die Charlie im Verdacht hat, Doppelagenten zu sein. Charlies neuer "Auftrag" wirkt sich direkt auf Jamies Alltag aus.

Auf dem Schulweg droht er zum Objekt von Spionage und Gegenspionage zu werden: Welcher Agent gehört zum britischen Geheimdienst MI5 und wer zu den Feinden? Das ist der Anfang einer Kette von Verwicklungen. Eigentlich wollte Charlie seinen Sohn aus dem neuen Auftrag raushalten, aber Jamie lernt schnell und kann ihm dabei helfen, heisse Informationen unauffällig an den Mann zu bringen. Alle Spuren führen zu Astrosat, die mit einer ultimativen Waffe die Kontrolle über die Köpfe der Menschen erlangen wollen.

Wicked! Die Hinweise verdichten sich, allerdings auf einen ganz anderen Fall. Charlie wird zunehmend zur Gefahr für sich selbst, je mehr Doppelagenten sich in seinem Kopf einnisten. Nicht immer ist es eine gute Idee, auf seine innere Stimme zu hören. "Wenn irgendjemand da draussen ist - bitte kommt und helft uns!" Am Ende wird Jamie klar, dass sein Vater tatsächlich etwas anders ist, als er es immer gedacht hat, und dass Charlie ihn braucht - und zwar nicht als Agenten für eine geheime Mission.
 
MARY AND MAX
Australien 2008; Regie: Adam Elliot

"Mary and Max" ist eine Animation mit Knetfiguren (ausgestattet mit den Stimmen von Toni Collette, Philip Seymour Hoffman, Eric Bana), den ersten Langfilm von "Harvey Krumpet"-Macher Regisseur Adam Elliot und handelt von der Brieffreundschaft eines australischen Mädchens mit einem New Yorker. Der Film eröffnete im Januar 2009 bereits das 25. Sundance Festival in den USA.
Lieber Herr M. Horowitz, mein Name ist Mary Daisy Dinkle und ich bin acht Jahre, drei Monate und neun Tage alt. Meine Lieblingsfarbe ist Braun und mein Lieblingsessen ist süsse Kondensmilch, dicht gefolgt von Schokolade. Woher kommen in Amerika die Babys? Kommen sie aus Coladosen? In Australien kommen sie aus Biergläsern. Es wäre toll, wenn Sie zurückschreiben und mein Freund werden könnten. Max Jerry Horowitz ist 44, lebt in New York, hat acht gleiche Trainingsanzüge und findet Menschen verwirrend.
Er wiegt 352 Pfund und sein Psychologe sagt, der Geist ist immer so gesund wie der Körper. In ihren Briefen erzählen sich Mary und Max von ihrem Lieblingscartoon, von ausgestopften Vögeln und der Angst vor der Welt da draussen. Liebe Mary, über deinen Brief habe ich mich sehr gefreut ...

"Mary and Max" ist eine rührende Geschichte über zwei verpfuschte Leben, die sich auf sonderbare Weise kreuzen. Die von ihren Eltern völlig vernachlässigte Mary Daisy Dinkle (gesprochen von Toni Collette) lebt in Australien und ist acht Jahre alt, als sie aus einem New Yorker Telefonbuch willkürlich eine Person auswählt, die ihr eine Frage beantworten soll, die sie schon lange beschäftigt: Woher kommen die Babys in Amerika? Der Brief gelangt an Max Jerry Horovitz (Stimme: Philip Seymour Hoffman), einen übergewichtigen soziophoben Neurotiker um die vierzig, und die Frage bringt ihn gänzlich aus dem Konzept. Doch nach anfänglichem Schock über den Brief schreibt Max Mary zurück und es entwickelt sich eine Brieffreundschaft, die mehrere Jahrzehnte überdauern soll.
 
MEIN SELBSTMORD My Suicide
USA 2009; Regie: David Lee Miller

Archie Williams ist ein des Lebens überdrüssiger Teenager, mit einem hochgerüsteten Rechner in seinem Zimmer und einer Vorliebe für Videoschnipsel, aus denen er kleine Filmchen zusammenschneidet, sogenannte Mindfucks. Tausende kleine Bildschnipsel setzt er immer neu zusammen. Die Realität ist genau eine Kameralänge entfernt, und so wie es aussieht, lässt sie sich technisch perfekt kontrollieren.

Als Archie ankündigt, er würde sich für das Semesterabschlussvideo seiner Filmklasse umbringen, steht die verhasste Welt mit einem Mal kopf, interessieren sich plötzlich so viele Leute für ihn wie noch nie. "Dieser Film handelt von meinem absolut durchschnittlichen Leben, dem Medien-Overkill und der Geisteskrankheit, die ich Tag für Tag um mich herum erlebe. Ich bin besessen von Filmen, dem Tod und dem absolut perfekten Plastikmädchen Sierra. Mein Name ist Archibald Holden Buster Williams, und ich werde mich umbringen. Willkommen in meinem Film! Willkommen - bei meinem Selbstmord!"

Bei Lehrern und Eltern bildet sich Angstschweiss auf der Stirn. Kaum sind die Worte ausgesprochen, fallen die Mitschüler, seine Eltern, Sierra, das hübscheste Mädchen der Schule, Lehrer, Psychologen, Ärzte und sonstige Ratgeber über den suizidalen Archie her. Der lässt sich davon nichts entgehen und filmt den ganzen Zirkus, der um ihn herum tobt: Die ganze Wahrheit des Lebens mit Tod, Sex, Gewalt, Drogen samt dem Bombardement der heuchlerischen Medien.

Archie kann die Phrasen nicht mehr hören. Selbstmord ist die endgültige Lösung eines vorübergehenden Problems. Und dann ist da natürlich noch die unnahbare Sierra, die so ziemlich für alles steht, was Archie abgrundtief hasst. Doch ausgerechnet Sierra fühlt sich zu Archie hingezogen, und Archie muss erfahren, dass auch die strahlendste Schönheit ein dunkles Geheimnis haben kann. Das wahre Leben ist überraschend, tragisch und dauert länger als 105 Minuten.

Maryanne Redpath: "Die Sprache dieses Filmes ist multimedial im wahrsten Sinne des Wortes. Das geht von Internet-Clips über Aufnahmen von Überwachungskameras bis hin zu Found Footage aus anderen Filmen. All diese Medien sammelt der Protagonist bei sich zu Hause in einem Studio und montiert daraus seine Version der Welt. Ursprünglich ist dieser Film einmal sehr viral aus einem Jugendprojekt entstanden, das auch eine Website für suizidgefährdete Jugendliche betreibt."
 
LA JOURNÉE DE LA JUPE Heute trage ich Rock
Frankreich, Belgien 2008; Regie: Jean-Paul Lilienfeld

Erst Laurent Cantet in "Entre les murs" (→ "Die Klasse", 2008) und nun Sonia Bergerac, die auch nicht so recht weiss, wie es so weit kommen konnte. "Isch mach disch platt, du fette Kuh, Schlampe, blöde Tussi!" Tag für Tag ist sonia Bergerac, Lehrerin an einer sogenannten "Brennpunktschule", den Demütigungen, und der Brutalität der Schüler ausgesetzt. Isabelle Adjani, seit 2003 nicht mehr im Kino zu sehen, spielt eine die Lehrerin für "schwierige Kinder" in einem gewalttätigen Umfeld. Die Pädagogen sind nicht mehr Herr/Frau der Lage, die Schüler haben die Macht. Sie hat erhebliche Probleme bei der Anpassung an ihrem neuen Arbeitsplatz und taumelt am Rande eines Nervenzusammenbruchs.

Plötzlich hat sie eine Waffe in der Hand. Sie ist zufällig auf eine Pistole gestossen, die in der Tasche eines Schülers versteckt war, und inmitten der Verwirrung löst sich versehentlich ein Schuss. Die Kugel verletzt einen Schüler am Bein. Ohne dass sie sich das recht bewusst macht, hat sie einen Teil der Klasse unter Kontrolle - endlich herrscht in ihrer Klasse Disziplin.

Auf dem Boden liegend müssen die Schüler ihrer Lehrerin zuhören, was sie zu Molière, Religion und Tradition zu sagen hat . Die ganze Aufregung verwandelt sich bald in ein wahres Geiseldrama mit dem üblichen Drumherum: Sofortige Intervention der Polizei und Politiker, Eltern in Panik, Erklärungen von der Schule und den Dozenten und das Eintreffen der von den Selbstdarstellern herbeigerufenen Pressevertreter setzt den medialen Wahnsinn in vollem Umfang in Kraft.

Es ist eine Tragödie, die die Situation beschreibt, wohin die Spirale der Gewalt jemanden bringen kann. Und man sieht die Eltern, die Schüler, die Lehrer, die Staatsgewalt, die Minister und die Journalisten, die sich gegenseitig hochputschen und mit Schuldzuweisungen nicht geizen. Das ist auch die Rückkehr einer atemberaubenden Isabelle Adjani in einer Rolle voller Maßlosigkeit, ganz im Sinne der sich anbahnenden Katastrophe. Jean-Paul Lilienfeld ist ein Regisseur, dem es gelingt, sie wieder von ihrer besten Seite zu zeigen, durch ihren Beruf als Schauspielerin und nicht als Prominente.

Die Verankerung im Alltag, mit Verweisen auf die Kultur vor allem in einer schrecklichen und ungeschminkten Wahrheit im Lehrbetrieb, macht deutlich, dass es diese Gewalt gibt, hier und jetzt. In Lilienfelds Film ist alles zu spät, bevor es überhaupt begonnen hat. All dies fordert ein paar Leute auf, ihre Masken fallen zu lassen ...

Isabelle Adjani, Oscar und Cesare-Nominierung für Truffauts Drama "Die Geschichte der Adele H." (1975), ist in ihrer Lehrerinnen-Rolle, die der Gewaltbereitschaft ihrer Schüler die Stirn bietet, unglaublich präsent. Man muss sich immer wieder klar machen, dass hier nicht eine Reportage, sondern ein Film gezeigt wird, der im Wesentlichen im Dialog und den Beziehungen zwischen den Charakteren lebt.

Endlich ein Film, wo die Menschen Menschen sind und keine Superhelden oder Marionetten ohne allzu grosse Unebenheiten, die sie unglaubwürdig machen - ein Film ohne viel körperlicher Gewalt, aber mit dem Gewicht der Worte, Gewohnheiten und ohne Tabus. Die drastische Sprache und das Spiel der Laiendarsteller machen aus der Schultragödie fast eine Doku.
 
Filmfestival zu Ehren Calvins

Die Evangelische Kirche begeht dieses Jahr aufwändig den 500. Geburtstag von Johannes Calvin (1509-1564), dem bedeutendsten Reformator neben Martin Luther. Dank Calvins Wirken dehnte sich die Reformation auf weite Teile Europas aus und behauptete sich danach gegenüber der wieder erstarkenden römischen Kirche.

Calvin gehörte zur zweiten Generation der Reformation. Humanist, promovierter Jurist und klassischer Philologe zugleich, publizierte er 1532 einen Kommentar zu Senecas Schrift "Über die Sanftmut". Etwas später schloss er sich der reformatorischen Bewegung in Frankreich an und war innerhalb kurzer Zeit in der Öffentlichkeit als Protestant bekannt. 

Mit einem kleinen Filmfestival vom 3. bis 5. März ehrt die Stadt Genf Johannes Calvin. Gezeigt werden an der Wirkungsstätte des Reformators Filme, die vorab aus der französischsprachigen Filmproduktion stammen. Gezeigt werden Filme über Martin Luther, Dietrich Bonhoeffer und den französischen Philosophen Paul Ricoeur.

Verschiedene Formen von Widerstand werden beleuchtet. Der Film "Les Camisards" behandelt die Niederschlagung eines Aufstandes der Protestanten im Frankreich des 18. Jahrhunderts. "Fragments sur la grâce" (Fragmente über die Gnade) nimmt die innerkatholische Auseinandersetzung zwischen den Janseniten und Jesuiten im 17. Jahrhundert auf.

Der Film "Un condamné à mort s’est échappé" (Ein zu Tode Verurteilter ist entkommen) thematisiert den französischen Widerstand im Dritten Reich. Etwas aus dem Rahmen fällt der Film "Du fond du cœur" (In der Tiefe des Herzens), der die bewegte Liebesgeschichte der beiden Literaten Germaine de Staël und Benjamin Constan aufnimmt.  Den Filmvorführungen folgt jeweils eine Podiumsdiskussion.


Und hier noch die Calvin-Hymne →
 
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