FRONTALKNUTSCHENGB 2008, Regie: Gurinder Chadha  Die Turbulenzen des Teenagerlebens aus weiblicher Perspektive haben in Buchläden und Filmtheatern momentan Hochkonjunktur. In Deutschland konnten die Romanreihen um Die wilden Hühner und Freche Mädchen genauso wie deren Bearbeitungen für die Kinoleinwand beachtliche Erfolge feiern. Bei britischen Mädchen sind die Bücher der Autorin Louise Rennison über die Erlebnisse des Teenagers Georgia Nicolson ähnlich populär. Daher ist es nicht verwunderlich, dass eine Filmbearbeitung der ersten beiden Bände der mittlerweile neunteiligen Serie erfolgte. „Frontalknutschen“ ist in den Händen der Regisseurin Gurinder Chadha (Kick It Like Beckham, Lebe lieber Indisch) zu einer leichtgewichtigen Komödie geworden, die vor allem der Zielgruppe amüsante Unterhaltung bietet. Auch bei Frontalknutschen (Originaltitel: Angus, Thongs And Full-Frontal Snogging) beweist die Regisseurin wieder ein Talent für die exakt passenden Darsteller. Georgia Groome, die schon als Kind auf der Bühne stand, ist ein heller Stern am Nachwuchshimmel. Ihre natürliche Ausstrahlung, ihr sicheres Timing, die Umsetzung aller Facetten ihrer Figur und das grosse komödiantische Potential lassen auf viele schöne Kinostunden hoffen. Ihre Freundinnen, besonders Eleanor Tomlinson, als Jas, passen kongenial in die Freundinnen-Clique.
Freche, spontane Mädchen, mit ihren Frusts um die Figur, die Klamotten und ihren Freuden: Boys-Stalking, ihren Schwärmereien: die coolen Brüder Tom (Sean Bourke) und Robbie, die neu auf ihrer Schule sind. Und tatsächlich haben die Darsteller Sean Bourke und Aaron Johnson das Zeug zu jugendlichen "Sexgöttern". Dumm nur für Georgia, dass sich ihre Schul-Feindin Slaggy Lindsay (Kimberley Nixon) längst an Robbie rangemacht hat. Natürlich ist Slaggy blond und gertenschlank, während Georgia dunkel und dick ist, meint sie jedenfalls. Und steht damit wohl stellvertretend für viele Teenies und deren vermeintlichen Problemzonen.
Die 14-Jährige Georgia Nicolson (Georgia Groome) will diesen Peinlichkeiten vor ihrem neuen Teenager-Schwarm, Robbie (Aaron Johnson), auch "Sexgott" genannt, vorbeugen. Wie gut, dass es am Schauplatz des Geschehens, in Brighton, den "Knutsch-Lehrer" Peter (Liam Hess) gibt. Ein sich gigolohaft gebender Junge, noch mit Pausbäckchen und charmanterweise meilenweit entfernt von den coolen jungendlichen Aufreissertypen, die einem das Kino sonst so präsentiert. Hier ist noch einer von der "alten Garde" am Werk. Beste Manieren, ein old-fashioned Schwiegermütter-Traum, der im Alter schlimmstenfalls immer noch auf dem Heiratsschwindlermarkt sein Auskommen finden dürfte.
Seiner Schülerin Georgia muss er allerdings ein aussergewöhnliches Naturtalent bescheinigen. Das ist sogar so gross, dass Peter einfach nicht genug von ihr kriegen kann und jede Gelegenheit abpasst, um ihr seine Küsse aufzudrängen und damit ein folgenschweres Missverständnis auslöst. Peter ist der entscheidende Faktor im "Frontalknutschen".
Doch längst nicht alles läuft wie gewünscht und als Georgias Vater (Alan Davies) ein Jobangebot in Neuseeland erhält, kommen plötzlich noch weitere Probleme hinzu. Im populären Kino begegnet uns eine sich beständig wandelnde Welt, die sehr stark von kulturellen und religiösen Symbolen sowie entwicklungsspezifischen Phantasien durchsetzt ist, die freilich in jeweils eigenen Kosmologien, Heilslehren und apokalyptischen Visionen verpackt sind.
Zusammen mit ihrem Mann, Paul Mayeda Berges und den Ko-Autoren Will McRobb und Chris Viscardi zeichnet die Regisseurin auch für das Drehbuch verantwortlich. Das basiert auf der Jugendbuch-Reihe Georgia Nicolson von Louise Rennison. Die Romane sind als Tagebücher geschrieben und Chadha tat gut daran, die Hauptfigur einige Passagen ihres Lebens - tagebuchhaft - aus dem Off kommentieren zu lassen.
Chadha hat nun mal ein Händchen für leichte, lockere Mädchen-Geschichten. Schon mit dem hochdekorierten Kick it like Beckham (2002) konnte sie nicht nur die Kritiker, sondern auch das Publikum überzeugen. Noch immer thront der Film an der Spitze der Einspielergebnisse für einen britischen Film. Die fast zwei Stunden Filmlänge vergehen wie im Flug. Das ist auch den Darstellern zu verdanken, den spritzigen witzigen Dialogen, den hübschen kleinen Einfällen und nicht zu vergessen, dem überzeugenden Filmschauplatz. Brighton ist filmisch noch so rein und fein wie die Teenagerseelen von Georgia und ihren Freundinnen - und das Ende des Films löst auch noch die allerletzten, offenen Fäden auf. Wall-EUSA 2008, Regie: Andrew Stanton  Was sollte nach Pixars Ratatouille noch kommen? Wie könnte dieses unglaublich charmante Animationsmeisterwerk getoppt werden? Nur ein Jahr später gibt das Studio, das mittlerweile unter dem Disney-Dach produziert, die Antwort: Die Roboter-Liebesgeschichte "Wall-E" ist zumindest animationstechnisch das perfekteste, das in der animierten Welt des Kinos in diesem Genre bisher gezeigt wurde. Um das Jahr 2800: Wall·E (Waste Allocation Load Lifter Earth-Class) ist ein kleiner Haushaltsroboter, der klaglos seinen Dienst verrichtet und Müll zusammenpresst, um ihn zu Wolkenkratzern aufzustapeln. Seit mehr als 700 Jahren. Unaufhörlich. Er ist der letzte seiner Art, die der Konzern "Buy n Large" einst ausgesandt hatte, um die zugemüllte Erde vom Dreck zu befreien. Damals verliessen alle Menschen die völlig zugemüllte Erde. Die Menschen, mittlerweile fett, beinahe bewegungsunfähig, technikabhängig und kaum mehr Herr ihrer Sinne, dümpeln auf monströsen Vergnügungsschiffen durchs All. Nun ist Wall·E der letzte seiner Art auf einem toten Planeten. Der einsame Wall-E hat im Gegensatz dazu eine echte Persönlichkeit entwickelt, ist ungeheuer neugierig und sehr lernbegierig. Sein einziger Freund ist die Kakerlake Hal, die ihm in seiner kleinen Behausung, wo er liebevoll Kleinkram sammelt, Gesellschaft leistet. Bis Androidin Eve (Extra-terrestrial Vegetation Evaluator) als Lichtgestalt vom Himmel herunterschwebt. Der schüchterne Blechkerl verliebt sich sofort in sie … und folgt ihr in die Weiten des Weltalls. Der Film ist zweifelsohne eine Animationsperle aus dem Hause Pixar, das mit "Findet Nemo", "Ratatouille" & Co. regelmässig für Filmwunder sorgt. Das liebevolle, konsum- und kulturkritische Science-Fiction-Märchen bietet einen R2D2-artigen Roboter als Helden in einer herzerwärmenden, fast dialoglosen (Liebes-) Odyssee. Wall-E hat auch noch genau das, was die Menschheit zur Rückkehr auf die Erde benötigt: eine kleine Pflanze, die den Lebenskreislauf wieder in Gang bringen könnte. Man kann im Grunde jedes Genre des populären Films als eine Ableitung christlicher Heilslehre betrachten, die einer bestimmten Form der Bearbeitung unterzogen worden ist: Dazu gehört etwa das Vermeiden oder Ergänzen des Opfers, die Vergebung der Sünden (noch im Diesseits), die Vereinfachung und Vereindeutigung der Symbolik, die stellenweise Profanierung, die Verminderung des moralischen Drucks. Es ist eine Erzählform, die so gut wie keine christliche Verpflichtung enthält und auch für Nicht-Christen in einer Kultur funktioniert, deren Techniken und Wahrnehmungen über Jahrhunderte hinweg vom Christentum beeinflusst worden sind - und sei es von Micky Maus oder den moralisch alles andere als integren Superhelden des Comicuniversums. Bei der Geschichte ging Regisseur und Autor Andrew Stanton hingegen ein Risiko ein, als er einen Roboter ins Zentrum seiner Erzählung stellte. Schliesslich konnten blecherne Protagonisten in Filmen wie Robots oder Cars bisher nicht rückhaltlos überzeugen. Doch dieser Film schafft es, die Figuren wirkungsvoll zu emotionalisieren und tatsächlich direkt ins Herz seines nicht nur jugendlichen Publikums vordringen zu lassen. Bei kritischer Betrachtung bleibt dennoch der Eindruck, dass es sich um einen eleganten, durch Zitate und Referenzen an Sci-Fi-Meisterwerke wie 2001 - Odyssee im Weltraum, auf 103 Minuten aufgeblasenen Vorfilm handelt - ein Kinoerlebnis, wie eine atemberaubende Fahrt in einer Disney-Themenpark-Attraktion. WILLKOMMEN BEI DEN SCH'TISFrankreich 2008, Regie: Dany Boon  Ein grosser Teil der Wirkung der Geschichten des populären Films entsteht, indem sie sich als Revisionen biblischer Gleichnisse zu erkennen geben, aber in dem Sinn, dass sie im Vergleich zu den Originalen Erhebliches an Entlastungen und moralischen Umdeutungen enthalten. Hier ist es die Vertreibung aus dem Paradies. Der Postbeamte und Südfranzose Philippe Abrams (Kad Merad) wird unfreiwillig versetzt - zu den Sch'tis, wie die Nordlichter wegen ihres Dialekts genannt werden. Zwei Welten prallen aufeinander! Schnell merkt Philippe, dass er den Sch'ti-Dialekt zwar nicht versteht, die Menschen aber unwahrscheinlich herzlich sind. Allen voran der Postbote Antoine (Dany Boon), der bald sein bester Freund wird. Bienvenue chez les Ch’tis lebt zum einen von den absonderlichen Vorstellungen, die die Südfranzosen von den Nordfranzosen haben und zum anderen vom seltsamen Kauderwelsch, das letztere sprechen. Somit überrascht es nicht, dass der Film in der Synchronfassung jegliche Existenzberechtigung verliert. Dazu bereitet ihm seine Frau Julie (Zoé Félix) an den freien Wochenenden im Süden den Himmel auf Erden, und er ist im angeblich barbarischen Norden so glücklich wie noch nie. Julie, mit der er zuvor permanent Streit hatte, hält ihn für einen Helden, der sich für seine Familie aufopfert, und an diesem Bild will Philippe natürlich nicht rütteln. Eine Weile lang geht die Scharade gut. Alles läuft bestens - bis Julie eines Tages beschliesst, Philippe vor Ort beizustehen. Der sieht sich nun gezwungen, Antoine und dem Rest seiner Mitarbeiter zu gestehen, dass er sie seiner Frau als unzivilisierte Horde beschrieben hat. Er muss sich schnell etwas einfallen lassen. Das harmlose Geplänkel bietet immer wieder nette Momente, die andeuten, wie charmant der Film in der Originalversion vermutlich ist. Doch auf Deutsch wirkt der im Synchronstudio erfundene Dialekt schrecklich aufgesetzt. Dieser Eindruck akkumuliert sich in einer viel zu langen Szene in einem Restaurant, in der die Eingeborenen dem Neuankömmling haarklein die sprachlichen Feinheiten erklären, die er - wie auch der Zuschauer - längst gehört hat. Dies macht ein Eintauchen in die Geschichte schwer, was die seltsam hastig abgearbeiteten Charakterentwicklungen in den letzten Filmminuten nur noch banaler macht. Intime Kenner der französischen Sprache und Kultur dürften mit der Originalversion eine vergnügliche Zeit erleben. Die deutsche Version veranschaulicht vor allem, wie befremdlich Der Schuh des Manitu auf die Franzosen gewirkt haben muss. Mit über 20 Millionen Kinobesuchern war Dany Boons Culture-Clash-Komödie Willkommen bei den Sch’tis in Frankreich der größte einheimische Kassenerfolg aller Zeiten. Bevor 2010 das Remake Welcome to the Sticks über den großen Teich schwappt, können sich Ende Oktober auch deutsche Kinobesucher ein Bild davon machen, was da bei den Nachbarn für eine solche Furore gesorgt hat. Will Smith, Warner Bros. und Overbrook Entertainment haben sich die Remakerechte am französischen Überhit gesichert. Will Smith und James Lassiter produzieren gemeinsam mit Ken Stovitz. Das US-Remake-Projekt läuft unter dem Titel Welcome to the Sticks. Stovitz erzählte, man werde den US-Hauptcharakter möglicherweise in einen Weltkonzern platzieren. Dann wird er unfreiwillig in eine rückschrittliche Gegend versetzt und findet ausgerechnet dort alles, das ihm bislang in seinem Leben gefehlt hat. REDBELTUSA 2008, Regie David Mamet  Das Mainstreamkino liebt die Gewalt. Dass es oft eine enge Beziehung zur Religion pflegt, überrascht vielleicht - doch Religion tritt immer dann auf den Plan, wenn menschliche Grenzerfahrungen thematisiert werden. Denkt man daran, wie stark das Christentum im Film zum Ausdruck kommt und wie häufig die Passion Christi verfilmt wurde, stellt man eine erstaunlich enge Beziehung zwischen dem Film und den religiösen Instanzen fest. Die Genres des populären Films bilden Varianten aus, die christliche Paraphrasen bieten und die zugleich vor-christliche oder nicht-christliche religiöse Symbole und Phantasien einfliessen lassen. "We thought we could be decent men in indecent times" hiess es im US-Blockbuster dieses Sommers, The Dark Knight. Selbst der Superheldenfilm hat damit entdeckt, dass die grösste Gefahr in einer postmodernen Welt nicht von übermächtigen Feinden ausgeht. Der populären Film bildet so etwas wie eine eigene Erlösungsmythologie, eine eigene pseudo-religiöse Ikonographie, einen eigenen Mystizismus aus; doch die eigentliche Frage lautet: Wie stark sind die eigenen moralischen Grundsätze, und können sie den Praxistest contra Korruption und Machtgier bestehen? Ein Held ist nicht länger jemand, der seinen Gegenspieler in die Knie zwingt, sondern jemand, der es schafft, seine Integrität zu wahren. Ein Umstand bleibt aber unantastbar - nur echte Kerle können diese Rolle ausfüllen. Und auf die versteht sich David Mamet bestens. Mit "Redbelt" legt der oscarnominierte Regisseur und Autor (u.a. für Wag The Dog, Glengarry Glen Ross, The Verdict) eine Studie über den modernen, zutiefst maskulinen Heros und seinen Kampf um seine inneren Werte vor. Zwar ist das alles durch die ruhige Inszenierung und das betont subtile Spiel seines Hauptdarstellers Chiwetel Ejiofor (American Gangster) gut getarnt, unter der ruhigen Oberfläche wedelt "Redbelt" allerdings aufgeregt mit dem Zeigefinger und verfehlt damit trotz vieler Stärken knapp den Anspruch früherer Mamet-Entwürfe. Mike Terry (Chiwetel Ejiofor) unterrichtet brasilianisches Jiu-Jitsu. Seine Kunst betrachtet er als Praxis eines in sich ruhenden Geistes und führt damit trotz finanzieller Schwierigkeiten ein glückliches Leben. Gerade stellt er seinem besten Schüler, dem Polizisten Joe (Max Martini, Der Soldat James Ryan), den schwarzen Gürtel in Aussicht, als die aufgelöste Anwältin Laura Black (Emily Mortimer, Match Point) zur Tür herein stolpert und durch eine unbedachte Aktion die Frontscheibe des Dojos zerdeppert. Mikes Frau Sondra (Alice Braga, I Am Legend) ist ausser sich, da ihr geschäftsuntüchtiger Mann nicht einmal für derart banale Reparaturarbeiten aufkommen kann. Dann scheint die Sanierung plötzlich doch in trockenen Tüchern, da sich Schauspieler Chet Frank (Tim Allen, Born To Be Wild) für Mikes Beistand bei einer Schlägerei ausgesprochen erkenntlich zeigt. Doch die Welt des Showbusiness ist ihm so fremd, dass er zu spät erkennt, in welche Kreise er sich begeben hat. Als er Opfer einer Intrige wird, scheint es für den ruinierten Trainer nur einen Ausweg zu geben: Das Preisgeld eines Mixed-Martial-Arts-Events - einer Art der Kampfkunstinszenierung, die seine Grundsätze geradezu verspottet. Der Baader-Meinhof-KomplexBRD 2008, Regie: Uli Edel  Deutschland Ende der 60er Jahre: Die Kinder der Nazi-Generation protestieren gegen den Krieg der USA in Vietnam, die Ausbeutung durch den Kapitalismus und eine versäumte Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Vorerst gewaltfrei - zumindest bis zum 2. Juni 1967. Während der Proteste gegen den Staatsbesuch des persischen Schahs in Berlin wird der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen. Die Situation eskaliert und eine gewaltbereite Minderheit beschliesst, sich gegen die herrschende Elite zu wehren. Monate später fliegen die ersten Brandbomben in Frankfurter Kaufhäusern in die Luft. Die Verantwortlichen um die Studentin Gudrun Ensslin und ihren Freund Andreas Baader werden verurteilt, können jedoch ins Ausland flüchten. Nach ihrer Rückkehr nach Berlin beginnen Baader und Ensslin, Gleichgesinnte um sich zu versammeln, darunter auch die progressive Starkolumnistin Ulrike Meinhof . Als Baader erneut verhaftet wird, unternehmen Ensslin, Meinhof und andere Radikale im Mai 1970 eine Befreiungsaktion, bei der sie einen schwer verletzten Polizisten zurücklassen. Daraufhin gründen Baader, Meinhof und Ensslin gemeinsam die "Rote Armee Fraktion", eine Stadtguerilla, die sich dem bewaffneten Widerstand verschrieben hat. 33 Todesopfer, mehr als 200 Verletzte und über 250 Millionen Euro Schaden durch Banküberfälle und Sprengstoffattentate - die Bilanz eines der dunkelsten Kapitel der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte. Von 1967 bis zum "Deutschen Herbst" im Jahr 1977 wütet die linksextremistische Terrorgruppe um Andras Baader und Ulrike Meinhof, versetzt eine ganze Nation in Angst und Schrecken und bringt die Regierung um Helmut Schmidt ins Wanken. Regisseur Uli Edel und Produzent Bernd Eichinger wagen sich nach zahlreichen Verfilmungen erneut an das Thema "RAF" und befördern in ihrem Drama den Schrecken des Terrors in einer nie da gewesenen Intensität auf die Leinwand. "Der Baader Meinhof Komplex" ist gewissenhafte Aufarbeitung deutscher Geschichte, welche endlich mit der mystifizierten Revolutionsromantik vergangener Produktionen bricht und ein blutiges, zugleich aber auch realistisches Bild des RAF-Terrors zeichnet. Der Baader-Meinhof-Komplex bewegt die Gemüter: Eine Woche vor dem offiziellen Kinostart am 25.09.2008 des Films über die Rote Armee Fraktion (RAF) hatten sich Opfer und Angehörige zu Wort gemeldet. Es gab dabei sowohl wohlmeinendes Lob als auch Negative Äusserungen für dieses Zeitdokument. "Es bedrückt mich, dass wir als Angehörige von den für das Filmprojekt Verantwortlichen nicht über das Vorhaben informiert wurden", äusserte sich z.B. Michael Buback, Sohn des 1977 von der RAF ermordeten Generalstaatsanwalts Siegfried Buback. Er als Sohn hatte rätseln müssen, "ob überhaupt und, wenn ja, in welcher Weise die Ermordung meines Vaters und seiner beiden Begleiter im Film gezeigt wird". Der Film von Bernd Eichinger und Uli Edel zeige "die ganze hemmungslose Brutalität der RAF, ohne das Andenken an ihre Opfer zu beschädigen", sagte der 54-jährige Jörg Schleyer, dem Sohn des im Oktober 1977 ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer, und er fürchtete, "der Film würde der Würde meines Vaters und unserer Familie mit zu blutigen Szenen zu nahe treten. Doch zum Glück wurden meine Befürchtungen mit jeder Szene ausgeräumt".  Wenige Stunden vor der mit Spannung erwarteten Filmpremiere am 16.September in München hatte der Verleih zur ersten grossen öffentlichen Preview geladen. Moritz Bleibtreu als jähzorniger Andreas Baader, Martina Geedeck als intellektuelle und zweifelnde Ulrike Meinhof , Nadja Uhl als mordende Brigitte Mohnhaupt, Bruno Ganz als unermüdlicher Terroristenjäger Horst Herold und vor allem Johanna Wokalek, die glaubwürdig darstellen konnte, dass Gudrun Ensslin für ihre Ziele bis zum Äussersten gehen würde, überzeugten durch ihre überragenden Schauspielleistungen. Die Darsteller sehen den Personen, die sie verkörpern, nicht nur erstaunlich ähnlich, sie bringen auch deren Charakter subtil zum Vorschein - die kriminelle Energie des Tat- Menschen Andreas Baader, den moralischen Rigorismus der Pfarrerstochter Gudrun Ensslin, die schon schlafwandlerische Präsenz der Gewalttheoretikerin Meinhof, die eiskalte Dominanz von Brigitte Mohnhaupt als Begründerin der zweiten Generation der RAF. Das waren damals durchaus recht junge, attraktive, zum Teil charismatische Intellektuelle. Der rasant geschnittene Film sorgte beim anschliessenden Empfang im Haus der Kunst für kontroverse Diskussionen - und nicht nur dort. So wurden die Mordszenen von einigen Zuschauern als zu heftig empfunden. Andere sahen gerade darin den richtigen Weg, den Terror und die sinnlose Gewalt glaubhaft darzustellen. Nach dem dramatischen Filmende - drei Schüsse hallen durch den Wald und Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer (Bernd Stegemann) sinkt in Grossaufnahme zu Boden - verharrte das Publikum minutenlang in Schweigen. In einem "Focus"-Interview hatte Edel erklärt, dass ihm Ex-Terroristen verraten hätten, wer Martin Schleyer erschossen habe. Er selbst zeigte sich von den Reaktionen auf seine Äusserungen überrascht und er hätte "sich nicht träumen lassen, dass die Aussage überhaupt Reaktionen hervorruft". Er kenne die Mörder selbst nicht, "was ich erfahren habe, stand auch schon gross im 'Spiegel' vor einem Jahr". Die Leute waren wohl nur deshalb so verblüfft, da sie offenbar sehr vergesslich seien. Authentizität sei Edel wichtig gewesen, ganz ohne nostalgische Gefühle, betont er immer wieder. Der ehemalige deutsche Innenminister Gerhard Baum (FDP) vermisst allerdings im Film einen genaueren Blick auf die Zeitumstände. "Sie bleiben leider ausgeblendet - so der zeitweilig von Teilen der öffentlichen Meinung und der Polizei aufgeheizte Taumel in Politik und Hysterie", schrieb Baum in "Die Zeit". Nach seiner Ansicht hätte zudem gezeigt werden müssen, dass Politiker den Terror zum Teil instrumentalisiert hätten, "denn das ist das Thema von heute, das mit der innenpolitischen Aufrüstung in der RAF-Zeit begann: Unsere Grundrechte werden im Kopf gegen den Terror beschädigt". Der Film hält den Kinobesucher in einer bedrückenden Atmosphäre gefangen. Erschauern lässt einem die kalte Selbstverständlichkeit, mit der die Terroristen "Bullen- und Justizschweine" und andere vermeintliche Gegner aus dem Weg räumen. Die Protagonisten setzen sich mit ihren Taten permanent ins Unrecht, selbst ihre Motivationen, die anfänglich noch nachvollziehbar erscheinen, geraten in eine gefährliche Schieflage. Dass ein Film, der etwas über die Faszination dieser ideologisch verbrämten Gewalt erzählt auch etwas von ihrer fatalen Anziehungskraft auszustrahlen vermag, liegt in der Natur der Sache. Ein Kinofilm wie dieser kann sich - im Gegensatz zur Dokumentation - nicht gegen jedes eventuelle Missverständnis rückversichern, er zeigt eine Sichtweise eines Geschehens, das er in seiner ganzen Komplexität nicht erfassen kann. Der Film gaukelt selbstverständlich anhand bekannter Fakten, Bilder und Aussagen eine Authentizität vor, die er als auf Kassenerfolg getrimmt, natürlich nicht einlösen kann, und das gehört mit zu den Gründen, die es leicht machen, diesem Streifen seine Defizite vorzuhalten. Bedenkt man aber, in welchem Minenfeld sich Inszenierung und in erster Linie Drehbuch bewegten, ist ein bemerkenswert guter Film daraus geworden, über den sich trefflich streiten lässt. Der Film erhielt das Prädikat "besonders wertvoll". "Er versuche sowohl den Terroristen wie auch den Vertretern der Staatsgewalt gerecht zu werden, indem er beide Seiten mit einer ähnlich objektiven Distanz beschriebt", heisst es in der Begründung. Zudem wurde der Film von der zuständigen Fachjury ausgewählt, Deutschland bei der Vergabe des Oscars zu vertreten: "Die grossartige schauspielerische Leistung und die aussergewöhnliche filmische Umsetzung der Geschichte, ohne dabei die Täter zu glorifizieren." Am 25. September kommt der Film nach dem Buch des langjährigen "Spiegel"-Chefs Stefan Aust ins Kino, und bereits unmittlebar vor dem Filmstart haben Unbekannte einen Anschlag auf die Hamburger Villa von Aust verübt. Mehrere rote und blaue Farbbeutel, Marmeladengläser und Steine wurden gegen das Haus im Stadtteil Blankenese geschleudert - Fensterscheiben gingen zu Bruch, verletzt wurde niemand. Es wird Herbst. DIE KUNST DES NEGATIVEN DENKENSNorwegen 2007, Regie: Bård Breien  Die schwärzeste Komödie seit HAROLD UND MAUDE - eine unwiderstehliche Attacke auf den Kult des positiven Denkens und ein Hoch auf die Kraft der Liebe von den Produzenten von ELLING! Politisch süffisant unkorrekt und schwarz wie die Nacht an der norwegischen Nordgrenze kommt diese Groteske daher - ein rauschendes Fest der Destruktion - hier wird vorgeführt, wie eine gut gemeinte Behinderten-Gruppentherapie verrutschen kann. Geirr, 33, steht auf Weltuntergangs-Kino und fette Joints. Dazu dröhnt düster Johnny Cash aus den Boxen - denn Geirr sieht die Welt in schwärzesten Farben, seit er nach einem Unfall im Rollstuhl sitzt. Seine Freundin Ingvild hält die üble Laune bei aller Liebe kaum noch aus und lädt darum die Gruppentherapeutin Tori samt ihrer Truppe vorbildlich Behinderter ein, alle mit zuckersüssem Lächeln und eiserner Hand darauf getrimmt, ihr Schicksal "positiv" zu sehen. Das Regiedebut des Norwegers Bard Breins bezieht seine Kraft und seinen Humor auf der Negation. Das ist die Stärke dieses kammerspielartigen Films, der auf mehreren Festivals Preise zuerkannt bekommen und die Gunst des Publikums gewonnen hat. Der Film beginnt also mit einer alles positiv sehenden Tori, die als Therapeutin einer Gruppe von vier gebeutelten Existenzen versucht, deren Lebensqualität zu verbessern. Ihr neuestes Projekt, das die Gruppe erweitern und weiterbringen soll, ist das Schicksal von Geirr. Dieser hat bei einem Unfall sein Gehvermögen verloren und leidet seither an seinem Dasein im Rollstuhl. Als das Feelgood-Kommando gegen seinen Widerstand die Villa entert, dreht er den Spiess um und pariert Toris Psycho-Phrasen mit rabenschwarzem Sarkasmus und schlagenden Argumenten. Geirr weigert sich, die Therapeutin ernsthaft zu akzeptieren und dominiert mit seinen exzentrischen, teils kindischen Aktionen das Geschehen. Bald kommt es zum Aufstand gegen die Sozialdompteuse und alle verordnete Heuchelei. Dies ist die Stunde der beissenden Wahrheiten, eine Nacht der anarchischen Lebenslust, rückhaltlosen Konfrontationen und unerwarteten Einsichten. Auch die unnahbare Tori und die starke Invild fallen aus ihren Rollen. Je mehr Geirr sich mit seiner negativen Art in den Vordergrund drängt, scheint nun er die Rolle des Therapeuten zu übernehmen. Als der Morgen anbricht, sehen sie die Welt in einem anderen Licht. |